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Warum wird jede junge Generation kritisiert und was steckt wirklich hinter dieser Kritik?

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 20. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit

Die Aussage «Die Jugend ist faul» gehört zu den erstaunlich langlebigen Narrativen unserer Gesellschaft. In regelmässigen Abständen taucht sie in neuen Varianten auf. Mal geht es um fehlenden Respekt, mal um mangelnde Leistungsbereitschaft oder um angeblich sinkende Belastbarkeit.


Aktuell richtet sich ein Teil dieser Kritik gegen die sogenannte Generation Z. Einzelne Unternehmen diskutieren öffentlich darüber, Bewerbungen jüngerer Jahrgänge gar nicht mehr zu berücksichtigen. Als Begründung werden mangelnde Verlässlichkeit, eine angebliche Montag-Freitag-Absenzenmentalität oder fehlende Leistungsbereitschaft genannt.


Solche Zuschreibungen wirken auf den ersten Blick plausibel, weil sie einfache Erklärungen liefern. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Kritik an jungen Generationen folgt seit Jahrhunderten einem wiederkehrenden Muster und verdeckt häufig strukturelle Fragen von Führung, Ausbildungskultur und Rahmenbedingungen.


Gruppe junger Menschen mit Smartphone, Tablet und Laptop als Symbol für Generation Z, Digitalisierung und junge Fachkräfte in der modernen Arbeitswelt.
Junge Menschen werden häufig pauschal beurteilt. In der Praxis zeigt sich jedoch eine grosse Vielfalt an Fähigkeiten, Motivation und Potenzial.

Kritik an jungen Generationen hat eine lange Geschichte


Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Kritik an jungen Generationen kein modernes Phänomen ist. Bereits in der Antike wurde jungen Menschen mangelnde Disziplin, fehlender Respekt und eine angebliche Abkehr von traditionellen Werten vorgeworfen.


Ähnliche Klagen finden sich im Mittelalter, während der Industrialisierung und im gesamten 20. Jahrhundert. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass die jeweils jüngere Generation sich grundlegend von früheren Jahrgängen unterscheidet und bestehende Arbeitsnormen oder gesellschaftliche Werte gefährdet.


Die Begriffe verändern sich, das Muster bleibt erstaunlich konstant. Jede Zeit scheint ihre eigene Version der angeblich problematischen Jugend zu haben. Historisch betrachtet zeigt sich jedoch, dass solche Diagnosen selten langfristig Bestand haben.


Warum Generationenbegriffe häufig zu einfachen Erklärungen führen


In gesellschaftlichen Debatten werden Generationen häufig als Erklärungsmuster verwendet. Begriffe wie Babyboomer, Generation X, Millennials oder Generation Z sollen Unterschiede zwischen Altersgruppen sichtbar machen.


Solche Kategorien können helfen, gesellschaftliche Entwicklungen zu beschreiben. Problematisch wird es jedoch, wenn daraus pauschale Urteile über ganze Altersgruppen entstehen.


Menschen aufgrund ihres Geburtsjahres zu beurteilen ersetzt differenzierte Analyse durch Schubladendenken. Individuelle Persönlichkeiten, unterschiedliche Lebenswege und vielfältige Motivationen verschwinden hinter vereinfachten Labels.


Gerade in der beruflichen Grundbildung wird deutlich, wie unterschiedlich junge Menschen sein können. Lernende bringen sehr verschiedene Fähigkeiten, Erwartungen und Entwicklungspotenziale mit. Pauschale Aussagen über ganze Generationen werden dieser Vielfalt nicht gerecht.


Die aktuelle Debatte über Generation Z


In der aktuellen Diskussion wird häufig die Generation Z in den Mittelpunkt gestellt. Ihr werden Eigenschaften zugeschrieben, die angeblich stark von früheren Generationen abweichen sollen. Dazu gehören beispielsweise geringere Belastbarkeit, stärkere Orientierung an Freizeit oder eine angeblich geringere Loyalität gegenüber Arbeitgebenden.


Diese Zuschreibungen greifen jedoch häufig zu kurz. Viele der beobachteten Veränderungen hängen weniger mit einer bestimmten Generation zusammen als mit gesellschaftlichen Entwicklungen.


Digitalisierung, neue Arbeitsformen, veränderte Bildungswege und steigende Erwartungen an Lebensqualität beeinflussen das Verhältnis zur Arbeit. Die Diskussion über Generation Z zeigt deshalb häufig Veränderungen der Arbeitswelt und weniger tatsächliche Unterschiede zwischen Menschen.


Erfahrungen aus der Ausbildungspraxis zeigen ein differenziertes Bild


In der Ausbildungspraxis zeigt sich häufig ein anderes Bild als in öffentlichen Debatten. Viele Berufsbildende berichten aus dem Ausbildungsalltag von Lernenden, die engagiert arbeiten, Verantwortung übernehmen und sich aktiv in ihre Ausbildung einbringen.


Auch meine langjährige Begleitung von Lernenden bestätigt dieses Bild. Über viele Jahre hinweg zeigt sich immer wieder, dass zahlreiche junge Menschen die berufliche Grundbildung ernst nehmen und die Ausbildungszeit nutzen, um sich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln.


Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Einzelne Lernende haben Mühe mit Belastung, Selbstorganisation oder Motivation. Solche Situationen gab es jedoch in jeder Generation. Einzelne Erfahrungen lassen sich deshalb kaum auf ganze Altersgruppen übertragen.


Drei Gründe für wiederkehrende Kritik an jungen Generationen


Um Kritik an jungen Generationen besser zu verstehen lohnt sich ein Blick auf drei Faktoren, die häufig zusammenwirken.


  1. Gesellschaftlicher Wandel spielt eine zentrale Rolle. Technologische Entwicklungen, neue Arbeitsformen und veränderte Lebensmodelle verändern Erwartungen an Arbeit und Beruf.


  2. Perspektivenunterschiede beeinflussen ebenfalls die Wahrnehmung. Jede Generation bewertet Arbeitsbedingungen aus ihrer eigenen Erfahrung heraus. Was für eine Generation selbstverständlich war wird von einer anderen möglicherweise anders beurteilt.


  3. Strukturelle Rahmenbedingungen sind ebenfalls entscheidend. Führungskultur, Ausbildungsqualität und Arbeitsbedingungen beeinflussen Motivation und Engagement erheblich.


Wenn diese Faktoren nicht berücksichtigt werden entsteht schnell der Eindruck eines Generationenkonflikts. Tatsächlich geht es jedoch oft um Veränderungen der Arbeitswelt.


Verantwortung von Betrieben und Berufsbildenden


Für die Berufsbildung ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz. Statt Unterschiede zwischen Generationen zu überbetonen lohnt sich der Blick auf die Qualität von Ausbildung, Begleitung und Führung.


Motivation, Kompetenzentwicklung und berufliche Orientierung entstehen nicht isoliert. Sie entwickeln sich im Zusammenspiel von individueller Motivation und strukturellen Rahmenbedingungen.


Betriebe und Berufsbildende haben deshalb einen grossen Einfluss darauf, wie Lernende ihre Ausbildung erleben. Eine wertschätzende Ausbildungskultur, klare Erwartungen und verlässliche Begleitung fördern Engagement und Verantwortungsbewusstsein deutlich stärker als pauschale Zuschreibungen.


Warum Generationendenken für Unternehmen riskant sein kann


Für Unternehmen kann eine pauschale Ablehnung ganzer Generationen sogar zu einem strategischen Risiko werden. In Zeiten von Fachkräftemangel und demografischem Wandel sind Betriebe darauf angewiesen, Potenziale junger Menschen zu erkennen und zu fördern.


Wer Bewerbende aufgrund ihres Geburtsjahres ausschliesst reduziert nicht das Risiko von Fehlentscheidungen. Stattdessen verzichtet ein Unternehmen auf Talente, Motivation und zukünftige Fachkräfte.


Eine zukunftsorientierte Personalstrategie setzt deshalb nicht auf Generationenstereotype sondern auf differenzierte Auswahl, gute Ausbildung und nachhaltige Kompetenzentwicklung.


Was das für die Zukunft der Berufsbildung bedeutet


Die Schweizer Berufsbildung lebt von der Zusammenarbeit verschiedener Generationen. Lernende, Berufsbildende und Fachpersonen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Erwartungen ein.


Gerade diese Vielfalt kann eine Stärke sein. Unterschiedliche Blickwinkel ermöglichen Lernen, Innovation und Weiterentwicklung.


Weitblick für die Berufsbildung bedeutet deshalb junge Menschen nicht durch stereotype Zuschreibungen zu beurteilen sondern ihre individuellen Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale in den Mittelpunkt zu stellen.


Entscheidend ist nicht ob eine Generation angeblich weniger leistungsbereit ist. Entscheidend ist wie Ausbildung, Führung und Rahmenbedingungen gestaltet werden damit Motivation, Kompetenzentwicklung und berufliche Entwicklung entstehen können.


FAQ: Generationenkritik und Berufsbildung


Sind junge Generationen heute wirklich weniger leistungsbereit?

Historische Vergleiche zeigen, dass ähnliche Kritik an jungen Menschen bereits seit Jahrhunderten existiert. Pauschale Aussagen über ganze Generationen sind deshalb wenig belastbar.


Welche Rolle spielt die Ausbildungskultur?

Eine gute Ausbildungskultur mit klarer Begleitung, Feedback und Entwicklungsmöglichkeiten hat grossen Einfluss auf Motivation und Leistungsbereitschaft von Lernenden.


Wie sollten Betriebe mit Generationenunterschieden umgehen?

Eine differenzierte Betrachtung ist sinnvoller als pauschale Kategorien. Individuelle Fähigkeiten, Motivation und Entwicklungspotenziale sind entscheidender als das Geburtsjahr.




Bildquelle: 

Unsplash / Curated Lifestyle


Literatur:

  • Mass, Rüdiger (2021). Generation lebensunfähig: Wie unsere Kinder um ihre Zukunft gebracht werden. München: Yes Publishing.

  • Engelhardt, Miriam; Engelhardt, Nikola; Trieschmann, Anja (2023). Generation Z – wie ticken sie? Wie ticke ich? Beziehung ist Trumpf – Tipps zur Zusammenarbeit in Bildung und Beruf. Bern: hep Verlag.

  • Esmailzadeh, Annahita; Meier, Yaël; Birkner, Stephanie; de Gruyter, Julius; Schwiezer, Hauke; Dietrich, Jo (Hrsg.) (2024). Gen Z – Für Entscheider:innen. Freiburg im Breisgau: Haufe Verlag.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.

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