Design Thinking in der Berufsbildung: Warum Lernende lernen sollten, Prozesse zu verbessern
- Remo Zürcher
- 7. März
- 4 Min. Lesezeit
Viele Lernende lernen im Betrieb sehr gut, wie eine Aufgabe ausgeführt wird. Deutlich seltener lernen sie jedoch, wie ein Prozess verbessert werden könnte. Genau hier liegt eine oft unterschätzte Chance der Berufsbildung.
Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Geschäftsmodelle verändern Abläufe in fast allen Branchen. In dieser Umgebung gewinnen Fähigkeiten an Bedeutung, die über reine Fachkompetenz hinausgehen: Probleme erkennen, Lösungen entwickeln, Zusammenhänge verstehen und Verbesserungen initiieren.
Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie können Lernende nicht nur Aufgaben korrekt ausführen, sondern auch lernen, Prozesse aktiv weiterzuentwickeln?

Vom Ausführen zum Mitdenken
Traditionell steht in der beruflichen Ausbildung zunächst das sichere Ausführen von Tätigkeiten im Mittelpunkt. Lernende beobachten, üben und übernehmen schrittweise Verantwortung für einzelne Aufgaben. Diese Struktur ist sinnvoll und notwendig. Fachkompetenz bildet die Grundlage jeder beruflichen Tätigkeit.
Gleichzeitig verändert sich die Arbeitswelt zunehmend. Viele Aufgaben lassen sich heute automatisieren oder digital unterstützen. Entscheidend wird deshalb immer häufiger die Fähigkeit, Prozesse zu hinterfragen und Verbesserungsmöglichkeiten zu erkennen.
Gerade Lernende bringen dafür eine wertvolle Perspektive mit. Sie betrachten Abläufe mit einem frischen Blick, stellen Fragen und entdecken Details, die im Alltag erfahrener Fachpersonen kaum noch auffallen. Wird diese Perspektive bewusst genutzt, entsteht ein zusätzlicher Lernraum im Betrieb.
Design Thinking als Lernansatz im Betrieb
Ein Ansatz, der diese Denkweise systematisch unterstützt, ist Design Thinking in der Berufsbildung. Ursprünglich stammt dieser Ansatz aus der Innovations- und Produktentwicklung. Sein Grundprinzip ist jedoch einfach: Probleme werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und Lösungen werden schrittweise entwickelt und getestet.
Gerade im Ausbildungsalltag lässt sich dieser Ansatz überraschend gut integrieren. Ein einfacher Prozess kann beispielsweise aus fünf Schritten bestehen:
Prozess beobachten
Lernende analysieren bewusst einen bestehenden Ablauf im Betrieb.
Problem verstehen
Welche Schwierigkeiten treten auf? Wo entstehen Wartezeiten oder unnötige Schritte?
Ideen entwickeln
Verschiedene mögliche Verbesserungen werden gesammelt.
Lösung ausprobieren
Eine einfache Variante wird testweise umgesetzt.
Feedback einholen und verbessern
Ergebnisse werden reflektiert und weiterentwickelt.
Dieser Ablauf benötigt keine komplexe Projektstruktur. Oft reicht bereits eine kurze Beobachtungsphase im Arbeitsalltag, um erste Ideen zu entwickeln.
Lernpotenziale für die Kompetenzentwicklung
Der Einsatz solcher Methoden verändert den Charakter von Ausbildung. Lernende übernehmen nicht nur Aufgaben, sondern beginnen, Zusammenhänge zu analysieren. Sie stellen Fragen, vergleichen verschiedene Möglichkeiten und diskutieren Lösungen im Team.
Dabei entstehen Kompetenzen, die für die zukünftige Arbeitswelt besonders relevant sind:
Problemlösungsfähigkeit: Lernende lernen, Herausforderungen systematisch zu analysieren.
Kreativität: Unterschiedliche Lösungsansätze werden entwickelt und bewertet.
Zusammenarbeit: Ideen entstehen häufig im Austausch mit anderen Mitarbeitenden.
Verantwortungsbewusstsein: Wer Prozesse mitgestaltet, identifiziert sich stärker mit seiner Arbeit.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht durch Theorie allein. Sie entwickeln sich vor allem durch praktische Erfahrung im Arbeitsalltag.
Kleine Impulse mit grosser Wirkung
Für Ausbildungsbetriebe bedeutet dies nicht, dass komplexe Innovationsprogramme notwendig sind. Oft reichen kleine Impulse, um Lernende stärker einzubeziehen.
Eine einfache Möglichkeit besteht darin, Lernenden regelmässig einen Beobachtungsauftrag zu geben. Sie analysieren beispielsweise einen kleinen Prozess im Betrieb und überlegen, wie dieser verbessert werden könnte.
Solche Aufgaben haben mehrere positive Effekte. Lernende beschäftigen sich intensiver mit Arbeitsabläufen, entwickeln ein besseres Verständnis für Zusammenhänge und erleben, dass ihre Perspektive ernst genommen wird.
Gleichzeitig profitieren auch Betriebe. Gerade aus der Perspektive von Lernenden entstehen häufig überraschend gute Verbesserungsideen.
Innovation beginnt oft im Kleinen
Viele Innovationen entstehen nicht durch grosse Projekte, sondern durch kleine Veränderungen im Alltag. Wenn Lernende lernen, Prozesse kritisch zu beobachten und Verbesserungsideen zu entwickeln, entsteht eine Kultur des Mitdenkens.
Diese Haltung stärkt nicht nur die Ausbildung, sondern auch die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens. Mitarbeitende, die früh lernen, Probleme zu erkennen und Lösungen zu entwickeln, bringen diese Kompetenz später in ihre berufliche Laufbahn ein.
Gerade in einer Arbeitswelt, die sich ständig verändert, wird diese Fähigkeit zunehmend wichtiger.
Eine unterschätzte Chance der Berufsbildung
Die Schweizer Berufsbildung wird international häufig für ihre Praxisnähe gelobt. Eine weitere Stärke könnte darin liegen, Lernende nicht nur zu Fachpersonen auszubilden, sondern auch zu Problemlöserinnen und Problemlösern.
Ein kleiner Perspektivenwechsel kann dabei bereits viel bewirken. Die Frage lautet nicht nur, wie möglichst viel Fachwissen vermittelt werden kann. Entscheidend ist auch, wie Lernende lernen, Probleme zu erkennen und Lösungen zu entwickeln.
Wer diese Fähigkeit früh fördert, stärkt nicht nur die Qualität der Ausbildung. Er stärkt auch die Zukunftsfähigkeit der Arbeitswelt.
FAQ: Design Thinking in der Berufsbildung
Was ist Design Thinking?
Design Thinking ist ein Ansatz zur strukturierten Problemlösung. Er kombiniert Beobachtung, Ideengenerierung, Prototyping und Feedback.
Warum eignet sich Design Thinking für die Berufsbildung?
Weil Lernende dadurch nicht nur Aufgaben ausführen, sondern Prozesse analysieren und aktiv verbessern lernen.
Wie können Betriebe Design Thinking einfach integrieren?
Bereits kleine Beobachtungsaufträge oder Verbesserungsprojekte im Arbeitsalltag können Lernende in Problemlösungen einbeziehen.
Bildquelle:
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Literatur:
Gonon, Philipp (2013). Berufsbildung in der Schweiz. Bern: hep Verlag.
Lewrick, Michael; Link, Patrick; Leifer, Larry (2018). Das Design Thinking Playbook. Mit traditionellen, aktuellen und zukünftigen Erfolgsfaktoren. München: Vahlen.
Hinweis zum Inhalt:
Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen zu Entwicklungen in Arbeitswelt, Bildung und Kompetenzanforderungen.


