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Eigenverantwortung in der Berufslehre: Was Lernende von der antiken Philosophie lernen können

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 9. März
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Mai

In der Berufslehre wird Erfolg häufig mit Talent, Motivation oder fachlichen Fähigkeiten verbunden. Diese Faktoren spielen zweifellos eine wichtige Rolle. Gleichzeitig zeigt sich im Ausbildungsalltag immer wieder, dass eine andere Fähigkeit langfristig ebenso entscheidend sein kann: die Fähigkeit, den eigenen Fokus bewusst zu steuern.


Gerade in anspruchsvollen Situationen wird sichtbar, wie Lernende mit Herausforderungen umgehen. Rückmeldungen fallen kritischer aus als erwartet, ein Auftrag misslingt oder eine Prüfung verläuft enttäuschend. Solche Situationen gehören zur Ausbildung. Entscheidend ist jedoch, wie sie eingeordnet werden.


Eine einfache, aber wirkungsvolle Orientierung bietet ein Gedanke aus der antiken Philosophie. Er unterscheidet konsequent zwischen zwei Bereichen: dem, was im eigenen Einfluss liegt, und dem, was ausserhalb der eigenen Kontrolle liegt.


Historisches Gebäude mit klassischen Säulen vor modernem Hochhaus als Symbol für die Verbindung von stoischer Philosophie und moderner Berufslehre sowie Selbstführung im Ausbildungsalltag.
Antike Säulen vor moderner Architektur stehen sinnbildlich für die Übertragung stoischer Philosophie auf die heutige moderne Berufsausbildung und den Umgang mit Herausforderungen im Ausbildungsalltag.

Der Unterschied zwischen Einfluss und Umständen


Im Ausbildungsalltag begegnen Lernende vielen Faktoren, die sie nicht selbst bestimmen können. Dazu gehören beispielsweise Arbeitsaufträge, betriebliche Abläufe, Reaktionen von Kundschaft oder die Bewertung von Leistungen.


Gleichzeitig gibt es einen Bereich, der stark von der eigenen Haltung und vom eigenen Verhalten geprägt ist. Lernende können beeinflussen, wie sorgfältig sie arbeiten, wie gut sie sich vorbereiten, wie aufmerksam sie zuhören oder wie sie mit Rückmeldungen umgehen.


Diese Unterscheidung wirkt auf den ersten Blick einfach. Ihre Bedeutung zeigt sich jedoch besonders in herausfordernden Situationen.


Wenn ein Auftrag nicht gelingt oder eine Note enttäuscht, liegt es nahe, die Ursachen im Umfeld zu suchen. Die Zeit war knapp, die Erklärung unklar oder die Bewertung zu streng. Solche Reaktionen sind verständlich. Entwicklung entsteht jedoch häufig dann, wenn zusätzlich gefragt wird, welcher Teil der Situation im eigenen Einflussbereich lag.


Warum diese Perspektive Entwicklung ermöglicht


Wer den eigenen Einflussbereich bewusst betrachtet, verändert die Perspektive auf Herausforderungen. Der Fokus verschiebt sich von der reinen Bewertung der Situation hin zu der Frage, welche Handlungsmöglichkeiten bestehen.


Im Ausbildungsalltag lassen sich dadurch mehrere wichtige Fähigkeiten entwickeln:


  • Fokus auf beeinflussbare Faktoren

    Statt dauerhaft über äussere Umstände zu grübeln, richtet sich die Aufmerksamkeit auf konkrete Handlungsmöglichkeiten.


  • Übernahme von Verantwortung

    Lernende erkennen, welche Teile einer Situation sie selbst beeinflussen können.


  • Stabilität im Umgang mit Kritik

    Rückmeldungen werden weniger als persönlicher Angriff erlebt, sondern als Hinweis für Weiterentwicklung.


  • Ausdauer bei Rückschlägen

    Herausforderungen werden eher als Lerngelegenheiten betrachtet.


  • Reflexionsfähigkeit

    Eigene Reaktionen werden bewusster wahrgenommen und eingeordnet.


Diese Fähigkeiten gehören zu den zentralen Grundlagen beruflicher Entwicklung.


Selbststeuerung als Teil der beruflichen Entwicklung


In der Arbeitswelt wird Selbststeuerung zunehmend wichtiger. Fachliche Kompetenz bildet zwar die Grundlage vieler Tätigkeiten, doch langfristiger Erfolg hängt häufig davon ab, wie Menschen mit Druck, Rückmeldungen oder Veränderungen umgehen.


Die Berufslehre bietet dafür ein wichtiges Lernfeld. Lernende sammeln erste Erfahrungen mit Verantwortung, Leistungsanforderungen und Zusammenarbeit im Team. In dieser Phase entwickeln sie Strategien, um mit Herausforderungen konstruktiv umzugehen.


Wenn Lernende lernen, ihren Einflussbereich bewusst wahrzunehmen, entsteht eine Form der Selbstführung, die weit über die Ausbildung hinaus Bedeutung hat.


Die Rolle der Berufsbildenden


Die Entwicklung solcher Haltungen geschieht selten von allein. Sie entsteht durch Erfahrung, durch Gespräche und durch den Umgang im Alltag.


Berufsbildende spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie prägen, wie im Betrieb über Fehler, Herausforderungen und Verantwortung gesprochen wird.


Wenn Rückmeldungen sachlich analysiert werden, wenn Lösungen gemeinsam gesucht werden und wenn Verantwortung nicht vorschnell abgeschoben wird, entsteht ein Lernklima, das Selbstverantwortung fördert.


Auch Vorbilder wirken stark. Lernende beobachten genau, wie erfahrene Fachpersonen mit Druck oder Schwierigkeiten umgehen. Wer ruhig analysiert, Verantwortung übernimmt und lösungsorientiert bleibt, vermittelt eine Haltung, die Lernende oft übernehmen.


Verantwortung richtig einordnen


Bei aller Bedeutung von Eigenverantwortung braucht dieses Thema in Buzug auf die Berufslehre eine sorgfältige Einordnung. Nicht jede Schwierigkeit lässt sich durch individuelle Haltung lösen.

Überforderung, unklare Strukturen oder fehlende Begleitung können ebenfalls Ursachen für Probleme im Ausbildungsalltag sein. Diese Aspekte müssen ernst genommen werden.


Eine reflektierte Haltung bedeutet deshalb nicht, Probleme zu ignorieren oder Emotionen zu unterdrücken. Sie bedeutet vielmehr, den eigenen Handlungsspielraum bewusst zu nutzen und Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie tatsächlich übernommen werden kann.


Ein Trainingsfeld für Selbstführung


Die Berufslehre ist weit mehr als eine Phase des fachlichen Lernens. Sie ist auch ein Trainingsfeld für persönliche Entwicklung.


Lernende erwerben nicht nur berufliche Fähigkeiten. Sie lernen, mit Rückmeldungen umzugehen, Verantwortung zu übernehmen und ihre eigene Entwicklung aktiv zu gestalten. Diese Erfahrungen prägen häufig langfristig.


Fachkompetenz ermöglicht Leistung. Doch die Fähigkeit zur Selbstführung entscheidet oft darüber, wie stabil diese Leistung auch unter Druck bleibt.


FAQ: Eigenverantwortung in der Berufslehre


Warum ist Eigenverantwortung für Lernende wichtig?

Eigenverantwortung hilft Lernenden, Herausforderungen konstruktiv zu bewältigen, aus Rückmeldungen zu lernen und ihre berufliche Entwicklung aktiv zu gestalten.


Was bedeutet es, den eigenen Einflussbereich zu erkennen?

Es bedeutet zu unterscheiden, welche Aspekte einer Situation selbst beeinflusst werden können und welche ausserhalb der eigenen Kontrolle liegen.


Welche Rolle spielen Berufsbildende dabei?

Sie prägen durch Rückmeldungen, Gespräche und ihr eigenes Verhalten, wie Lernende Verantwortung wahrnehmen und mit Herausforderungen umgehen.




Bildquelle:

Unsplash / Getty Images


Literatur:

  • Pigliucci, Massimo (2020). Die Weisheit der Stoiker: Ein philosophischer Leitfaden für stürmische Zeiten. München: Kösel Verlag.

  • Omondi, Susan; Lang, Alexandra (2023). Eigenverantwortung: Das Beste, was dir passieren kann. Göttingen: BusinessVillage Verlag.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen zu Selbstverantwortung, Lernprozessen und Kompetenzentwicklung im Ausbildungsalltag.

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