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Motivation in der Lehre: Warum die Mitte der Ausbildung besonders wichtig ist

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 10. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Montagsfieber und Freitagsgrippe sind Begriffe, die viele Betriebe kennen. Besonders in der beruflichen Grundbildung treten solche Krankmeldungen auffällig häufig auf. Der erste Impuls ist oft eine schnelle Erklärung: mangelnde Disziplin, Bequemlichkeit oder fehlendes Durchhaltevermögen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Einschätzung häufig zu kurz greift. In vielen Fällen handelt es sich weniger um ein medizinisches Problem als um einen Hinweis auf nachlassende Motivation.


Gerade in der Mitte der Ausbildung können solche Signale auftreten. Diese Phase ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein typischer Abschnitt im Entwicklungsverlauf einer beruflichen Ausbildung.


Lernende Person liegt im Bett unter Decke versteckt, Symbolbild für Motivationsphase und Halbzeitkrise in der Schweizer Berufsbildung
Manchmal ist Rückzug kein Zeichen von Bequemlichkeit, sondern ein Hinweis auf fehlenden Sinn, Motivation oder Perspektive.

Die Mitte der Lehre als Entwicklungsphase


Der Verlauf einer Ausbildung folgt selten einer gleichmässigen Motivationskurve. Zu Beginn ist vieles neu. Lernende orientieren sich, sammeln erste Erfahrungen und werden meist eng begleitet. Gegen Ende der Ausbildung steigt die Aufmerksamkeit erneut, weil Qualifikationsverfahren, Abschluss und Anschlusslösungen stärker in den Fokus rücken.


In der Mitte der Lehre verändert sich jedoch die Situation. Die Anfangseuphorie ist abgeklungen, der Arbeitsalltag wird routinierter und der Abschluss liegt noch in einiger Entfernung. Fortschritte werden weniger deutlich wahrgenommen, während gleichzeitig mehr Selbstständigkeit erwartet wird. Für Lernende kann diese Phase deshalb als stagnierend erlebt werden. Motivation kann schwanken und die Bindung an Betrieb oder Beruf wird teilweise neu hinterfragt.


Diese Entwicklung ist normal und lässt sich in vielen Ausbildungsbiografien beobachten. Gerade deshalb verdient diese Phase besondere Aufmerksamkeit.


Wenn Fehlzeiten ein Signal sein können


Krankmeldungen rund um das Wochenende werden häufig vorschnell als Disziplinproblem interpretiert. In der Praxis zeigen sich jedoch oft andere Zusammenhänge. Motivation im Arbeits- und Lernkontext ist kein stabiler Zustand, sondern verändert sich je nach Aufgaben, Beziehungserfahrungen und persönlichen Perspektiven.


Wenn Lernende häufiger fehlen, kann dies ein Hinweis auf verschiedene Faktoren sein. Manchmal fehlt der Bezug zwischen Tätigkeit und beruflicher Zukunft. In anderen Fällen fehlt es an Entwicklungsmöglichkeiten oder an einer stabilen Beziehung zum Arbeitsumfeld. Natürlich müssen gesundheitliche Ursachen immer zuerst abgeklärt werden. Wenn jedoch keine medizinischen Gründe vorliegen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Lern- und Arbeitssituation.


Gespräche, Interesse an der Situation der Lernenden und neue Lernimpulse können in solchen Momenten oft mehr bewirken als rein administrative Massnahmen.


Drei Faktoren beeinflussen Lernmotivation


Motivation entsteht selten zufällig. Forschung zur Lernmotivation zeigt, dass sie häufig aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren entsteht. Besonders drei Aspekte spielen in der Ausbildung eine wichtige Rolle.


  1. Der erste Faktor betrifft den Sinn der Tätigkeit. Lernende möchten verstehen, welchen Beitrag ihre Arbeit leistet und welche Bedeutung einzelne Aufgaben für ihre berufliche Entwicklung haben. Wenn dieser Zusammenhang nicht erkennbar ist, verliert Arbeit schnell an Bedeutung.


  2. Der zweite Faktor betrifft die Beziehung zum Arbeitsumfeld. Wertschätzung, Vertrauen und wirkliches Interesse stärken die Bindung an den Betrieb. Lernende, die sich wahrgenommen fühlen, bleiben meist engagierter und entwickeln eine stärkere Identifikation mit ihrem Beruf.


  3. Der dritte Faktor ist die Erfahrung von Kompetenzentwicklung. Motivation entsteht dort, wo Lernende Fortschritte wahrnehmen. Neue Aufgaben, zusätzliche Verantwortung oder sichtbare Lernerfolge fördern das Gefühl, etwas zu können und sich weiterzuentwickeln.


Wenn diese drei Faktoren im Gleichgewicht sind, bleibt Motivation deutlich stabiler.


Die Rolle der Begleitung im Ausbildungsalltag


Im Ausbildungsalltag verschiebt sich die Aufmerksamkeit oft unbewusst. Zu Beginn der Lehre investieren Betriebe viel Zeit in Einführung und Begleitung. Gegen Ende steigt die Intensität erneut, weil Abschlussprüfungen und Zukunftsplanung näher rücken.


Die Mitte der Ausbildung wird dagegen häufig als stabile Phase betrachtet. Lernende gelten als eingearbeitet und zunehmend selbstständig. Gerade deshalb sinkt in dieser Zeit manchmal die Intensität der Begleitung. Feedbackgespräche werden seltener und Entwicklungsgespräche finden weniger regelmässig statt.


Genau hier kann Motivation schleichend nachlassen. Regelmässige Gespräche und Interesse an der Entwicklung der Lernenden bleiben deshalb auch in dieser Phase wichtig. Kontinuierliche Lernbegleitung ist ein zentraler Bestandteil qualitativ hochwertiger Berufsbildung.


Praktische Ansätze für Betriebe


Wenn Motivation nachlässt, sind meist keine grossen Interventionen notwendig. Häufig reichen gezielte Impulse. Ein Standortgespräch zur Halbzeit kann helfen, die bisherige Entwicklung zu reflektieren und neue Ziele zu definieren. Auch zusätzliche Verantwortung oder ein überschaubares Projekt können neue Lernanreize schaffen.


Ebenso wichtig ist es, Lernende stärker in Entscheidungsprozesse einzubeziehen oder ihnen Rückmeldung zu ihrer Entwicklung zu geben. Solche Erfahrungen stärken das Gefühl, im Betrieb ernst genommen zu werden und einen eigenen Beitrag leisten zu können. Gerade diese Erfahrungen unterstützen Lernende dabei, ihre berufliche Entwicklung bewusster wahrzunehmen.


Bedeutung für die Berufsbildung


Die Mitte der Lehre ist ein normaler Abschnitt im Ausbildungsprozess. Motivation kann in dieser Phase schwanken, ohne dass dies sofort problematisch sein muss. Für Betriebe bietet diese Phase jedoch eine wichtige Chance. Wer Lernende in dieser Zeit gezielt begleitet, stärkt nicht nur Motivation, sondern auch die Bindung an Beruf und Betrieb.


Eine bewusste Gestaltung dieser Phase trägt deshalb wesentlich zur Qualität der beruflichen Ausbildung bei.


FAQ: Motivation in der Schweizer Berufsausbildung


Warum sinkt Motivation häufig in der Mitte der Lehre?

Weil die Anfangsphase der Ausbildung vorbei ist und der Abschluss noch weit entfernt scheint. Fortschritte werden weniger sichtbar und der Alltag wird routinierter.


Wie können Betriebe Lernende in dieser Phase unterstützen?

Durch regelmässige Gespräche, neue Verantwortungsbereiche, klare Entwicklungsperspektiven und konstruktives Feedback.


Sind häufige Krankmeldungen automatisch ein Motivationsproblem?

Nicht unbedingt. Sie können jedoch ein Hinweis darauf sein, dass Lernende ihre Situation im Betrieb oder ihre Entwicklung neu bewerten.




Bildquelle:

Unsplash / Kelly Sikkema


Literatur, Studien und Berichte:

  • Böttcher, M. (2016). Was bringt mir das? Sinnvoll lehren, motiviert lernen. Bern: hep Verlag.

  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227–268.

  • Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung (o. J.). Empathie als Mittel zur Förderung der Motivation von Lernenden und des Lernklimas.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.


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