Soft Skills in der Berufslehre: Warum überfachliche Kompetenzen immer wichtiger werden
- Remo Zürcher
- 6. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Die Anforderungen in der Arbeitswelt verändern sich. Fachliches Wissen bleibt eine wichtige Grundlage beruflicher Tätigkeit. Gleichzeitig zeigt sich im Berufsalltag immer deutlicher, dass berufliche Handlungsfähigkeit auch von weiteren Fähigkeiten abhängt. Soft Skills, in der Berufsbildung häufig als überfachliche Kompetenzen bezeichnet, gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung.
In der beruflichen Grundbildung wird diese Entwicklung besonders sichtbar. Lernende starten ihre Ausbildung meist ohne umfassende Berufserfahrung und erwerben ihr Fachwissen Schritt für Schritt im Betrieb und in der Berufsschule. Gleichzeitig lernen sie, Verantwortung zu übernehmen, mit anderen zusammenzuarbeiten und mit Rückmeldungen umzugehen.

Wenn Fachwissen allein nicht ausreicht
Im Alltag vieler Lehrbetriebe zeigt sich ein ähnliches Bild. Lernende können Aufgaben fachlich korrekt ausführen. Herausfordernder wird es jedoch, wenn mehrere Anforderungen gleichzeitig auftreten.
Parallele Aufträge, unerwartete Probleme oder Rückmeldungen im Arbeitsprozess verlangen mehr als technisches Wissen. Auch Zusammenarbeit im Team, Abstimmung mit anderen oder der Umgang mit Kundinnen und Kunden stellen zusätzliche Anforderungen.
In solchen Situationen werden Fähigkeiten wie Prioritäten setzen, ruhig bleiben, professionell kommunizieren oder aus Fehlern lernen besonders wichtig. Diese Fähigkeiten werden in der Berufsbildung unter dem Begriff überfachliche Kompetenzen zusammengefasst.
Was überfachliche Kompetenzen umfassen
Überfachliche Kompetenzen beschreiben Fähigkeiten, die über das reine Fachwissen hinausgehen. Sie betreffen den Umgang mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit komplexen Situationen im Arbeitsalltag.
Typische Beispiele lassen sich in drei Bereiche gliedern.
Persönliche Kompetenzen
Selbstorganisation und Zeitmanagement
Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit
Selbstständigkeit im Arbeitsalltag
Umgang mit Fehlern und Kritik
Belastbarkeit und Umgang mit Druck
Soziale Kompetenzen
Kommunikationsfähigkeit im Team
Team- und Kooperationsfähigkeit
Konfliktfähigkeit
konstruktiver Umgang mit Feedback
Arbeitsbezogene Kompetenzen
strukturiertes und effizientes Arbeiten
Sorgfalt und Qualitätsbewusstsein
Umgang mit Veränderungen
Diese Fähigkeiten entstehen nicht automatisch. Sie entwickeln sich vor allem durch praktische Erfahrungen im Arbeitsalltag, durch Begleitung im Betrieb und durch Gespräche über gemachte Erfahrungen.
Überfachliche Kompetenzen als Teil der Ausbildung
Im Alltag werden Soft Skills oft als persönliche Eigenschaften verstanden. Begriffe wie Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit oder Selbstorganisation wirken selbstverständlich.
In der Praxis zeigt sich jedoch, dass diese Fähigkeiten erst durch Erfahrung entstehen. Zusammenarbeit im Team, Verantwortung für Aufgaben oder der Umgang mit Rückmeldungen bieten wichtige Lerngelegenheiten.
In der beruflichen Grundbildung können solche Fähigkeiten deshalb auch als konkrete Lerninhalte verstanden werden. Themen wie Feedback geben, Verantwortung übernehmen oder mit Kritik umgehen lassen sich im Arbeitsalltag gezielt ansprechen und üben.
Wenn diese Aspekte sichtbar gemacht und bewusst begleitet werden, entsteht für Lernende eine klare Orientierung.
Warum diese Kompetenzen an Bedeutung gewinnen
Arbeitsprozesse werden komplexer, Technologien entwickeln sich schneller und Aufgaben verändern sich häufiger. Fachkräfte müssen deshalb zunehmend selbstständig handeln, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.
Gleichzeitig arbeiten Menschen häufiger in Teams. Zusammenarbeit, Kommunikation und Abstimmung werden dadurch zu zentralen Bestandteilen des Berufsalltags.
Viele Herausforderungen lassen sich nur im Zusammenspiel von Fachwissen, Erfahrung und sozialen Fähigkeiten bewältigen. Überfachliche Kompetenzen helfen dabei, auch in anspruchsvollen Situationen handlungsfähig zu bleiben.
Verbindung zu Future Skills
Viele dieser Fähigkeiten werden heute auch als Future Skills bezeichnet. Darunter versteht man Kompetenzen, die Menschen helfen, mit einer sich verändernden Arbeitswelt umzugehen.
Dazu gehören beispielsweise Problemlösungsfähigkeit, Selbstorganisation, Kommunikationsfähigkeit oder die Fähigkeit, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Gerade in einer Arbeitswelt, die sich durch Digitalisierung und technologische Entwicklungen schnell verändert, gewinnen solche Fähigkeiten weiter an Bedeutung.
Lernen im Alltag sichtbar machen
Viele Berufsbildende und Lehrpersonen fördern überfachliche Kompetenzen bereits im Ausbildungsalltag. Oft geschieht dies intuitiv und auf Grundlage persönlicher Erfahrung.
Dennoch kann es hilfreich sein, diese Fähigkeiten bewusst als Teil der Ausbildung wahrzunehmen. Wenn Lernende verstehen, welche Kompetenzen im Arbeitsalltag eine Rolle spielen, können sie ihre eigenen Erfahrungen besser einordnen.
Gespräche über Vorgehensweisen oder Erfahrungen helfen dabei. Fragen wie „Wie bist du an diese Aufgabe herangegangen?“ oder „Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?“ unterstützen Lernende dabei, ihr eigenes Handeln zu reflektieren.
Ein einfaches Modell für Kompetenzentwicklung
Die Entwicklung überfachlicher Kompetenzen lässt sich im Ausbildungsalltag häufig in vier Schritte gliedern:
Kompetenzen sichtbar machen
Lernende erkennen, welche Fähigkeiten im Berufsalltag wichtig sind.
Kompetenzen im Alltag anwenden
Praktische Aufgaben und Zusammenarbeit im Team bieten Lerngelegenheiten.
Begleitung durch Berufsbildende
Rückmeldungen helfen dabei, Erfahrungen einzuordnen.
Reflexion ermöglichen
Gespräche über Erfahrungen unterstützen Lernende dabei, ihr eigenes Handeln besser zu verstehen.
Durch diesen Prozess wird überfachliche Kompetenzentwicklung zu einem erkennbaren Bestandteil der Ausbildung.
Die Rolle von Feedback
Feedback spielt eine zentrale Rolle bei der Entwicklung überfachlicher Kompetenzen. Rückmeldungen helfen Lernenden zu verstehen, wie ihr Verhalten im Arbeitsalltag wahrgenommen wird.
Wichtig ist dabei eine konstruktive Gesprächskultur. Rückmeldungen sollten klar, respektvoll und nachvollziehbar formuliert werden. Ziel ist nicht Bewertung, sondern Entwicklung.
Wenn Lernende ihr eigenes Vorgehen reflektieren können, entstehen wichtige Lernprozesse. Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Lernfähigkeit entwickeln sich Schritt für Schritt.
Perspektiven für die berufliche Grundbildung
Die berufliche Grundbildung verbindet fachliches Lernen mit praktischer Erfahrung. Neben dem Aufbau von Fachwissen entwickeln Lernende dabei auch Fähigkeiten, die für ihren weiteren Berufsweg wichtig sind.
Überfachliche Kompetenzen helfen jungen Menschen, Verantwortung zu übernehmen, mit Herausforderungen umzugehen und im Team zu arbeiten. Wenn diese Fähigkeiten bewusst gefördert werden, entsteht eine wichtige Grundlage für die berufliche Entwicklung.
Die Stärke der Schweizer Berufsbildung liegt darin, Praxis, Lernen und persönliche Entwicklung miteinander zu verbinden.
FAQ: Überfachliche Kompetenzen in der Berufslehre
Warum sind überfachliche Kompetenzen für Lernende wichtig?
Sie helfen Lernenden, Herausforderungen im Berufsalltag zu bewältigen, Verantwortung zu übernehmen und sicher im Team zu arbeiten.
Sollten überfachliche Kompetenzen gezielt gefördert werden?
Ja. Überfachliche Kompetenzen entstehen in der Berufslehre meistens nicht automatisch. Es ist sinnvoll, sie bewusst als Teil der Ausbildung zu thematisieren und gemeinsam zu reflektieren.
Wie können Lehrbetriebe überfachliche Kompetenzen fördern?
Indem sie überfachliche Kompetenzen bewusst thematisieren, im Arbeitsalltag aufgreifen und durch Reflexionsgespräche, Feedback und praktische Aufgaben begleiten.
Bildquelle:
Unsplash / Warren Umoh
Literatur und Studien:
EHB – Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung (2021). Überfachliche Kompetenzen in der Berufsbildung: Bedeutung und Förderung im Lehrbetrieb.
Maurer, Hanspeter; Gurzeler, Beat (2023). Handbuch Kompetenzen: Arbeitsinstrument zur Entwicklung überfachlicher Kompetenzen. Bern: hep Verlag.
Spiegel, Peter; Pechstein, Arndt; Ternès Hattburg, Anabel; Grüneberg, Annekathrin (Hrsg.) (2021). Future Skills: 30 zukunftsentscheidende Kompetenzen und wie wir sie lernen können. München: Verlag Franz Vahlen.
Hinweis zum Inhalt:
Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.


