top of page

Künstliche Intelligenz in der Ausbildung: Macht KI Lernende wirklich dumm?

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 18. Nov. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Künstliche Intelligenz hat in kurzer Zeit einen festen Platz im Alltag gefunden. Sie beantwortet Fragen, formuliert Texte, strukturiert Informationen und liefert Lösungen innerhalb weniger Sekunden. Auch in Schule, Betrieb und Ausbildung ist diese Entwicklung längst angekommen. Lernende nutzen KI zur Vorbereitung auf Prüfungen, zum Verstehen von Fachinhalten oder zur Unterstützung bei betrieblichen Aufgaben.

Gleichzeitig wächst eine verbreitete Sorge: Wenn Antworten jederzeit verfügbar sind, könnten junge Menschen weniger selbst denken und sich stärker auf digitale Systeme verlassen.


Diese Befürchtung ist nachvollziehbar, greift jedoch zu kurz. Entscheidend ist nicht die Technologie selbst, sondern der Umgang mit ihr. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht, ob KI das Lernen verändert. Das tut sie bereits. Wichtiger ist vielmehr, ob sie Lernprozesse oberflächlicher macht oder ob sie dazu beitragen kann, Denken zu vertiefen und wichtige Zukunftskompetenzen zu entwickeln.


Roboterhand und menschliche Hand berühren sich mit einer Faustgeste, symbolisch für die Zusammenarbeit zwischen künstlicher Intelligenz und Menschen beim Lernen und Arbeiten.
Künstliche Intelligenz ersetzt menschliches Denken nicht. Richtig eingesetzt kann sie Lernende unterstützen, Wissen zu strukturieren, Fragen zu vertiefen und Zukunftskompetenzen zu entwickeln.

Technologische Veränderungen prägen die Ausbildung


Die berufliche Grundbildung war schon immer eng mit technologischen Entwicklungen verbunden. Neue Maschinen, digitale Werkzeuge und veränderte Arbeitsprozesse haben Ausbildung und Berufsbilder kontinuierlich beeinflusst. KI ist eine weitere dieser Entwicklungen.


Was sie besonders macht, ist ihre Fähigkeit, kognitive Aufgaben zu unterstützen. Sie kann Texte formulieren, Inhalte erklären, Ideen strukturieren oder komplexe Informationen zusammenfassen. Damit greift sie in Bereiche ein, die lange Zeit als typische menschliche Denkaufgaben galten.


Für die Ausbildung entsteht dadurch eine neue Situation. Informationen sind schneller verfügbar als je zuvor, und viele Aufgaben lassen sich mit digitalen Werkzeugen vorbereiten oder strukturieren. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Lernprozesse verkürzt werden, wenn Ergebnisse übernommen werden, ohne sie wirklich zu verstehen.


Ob KI Lernen schwächt oder stärkt, entscheidet sich daher nicht an der Technologie, sondern an der Art ihrer Nutzung.


Oberflächliches Lernen oder vertieftes Denken


Wenn künstliche Intelligenz lediglich genutzt wird, um möglichst schnell eine fertige Antwort zu erhalten, kann Lernen tatsächlich oberflächlicher werden. Inhalte werden übernommen, ohne sie kritisch zu prüfen oder selbstständig zu durchdenken.


Wird KI hingegen bewusst als Werkzeug eingesetzt, kann sie Lernprozesse erweitern. Lernende können unterschiedliche Perspektiven vergleichen, Fragen vertiefen oder eigene Lösungswege entwickeln.


Statt Informationen nur zu konsumieren, entsteht ein dialogischer Prozess. Digitale Systeme liefern Impulse, während Lernende Inhalte prüfen, weiterentwickeln und einordnen.


Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob KI als Ersatz für Denken genutzt wird oder als Werkzeug, das Denkprozesse unterstützt.


Zukunftskompetenzen im digitalen Zeitalter


In einer zunehmend digitalen Arbeitswelt gewinnen bestimmte Fähigkeiten besonders an Bedeutung. Dazu gehören kritisches Denken, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, Selbstständigkeit und ein reflektierter Umgang mit Technologie.


Diese Fähigkeiten werden häufig als Zukunftskompetenzen bezeichnet. Gerade im Zusammenspiel mit künstlicher Intelligenz werden sie besonders relevant.


Wer mit KI arbeitet, muss Informationen prüfen, Ergebnisse hinterfragen und unterschiedliche Lösungswege vergleichen. Antworten müssen bewertet und in einen grösseren Zusammenhang eingeordnet werden.


Damit verschiebt sich der Fokus des Lernens. Es geht weniger darum, Informationen zu finden. Entscheidend wird vielmehr die Fähigkeit, Informationen zu verstehen, zu verknüpfen und sinnvoll zu nutzen.


Prompting: Eine neue Kompetenz im Umgang mit KI


Eine zentrale Fähigkeit im Umgang mit künstlicher Intelligenz besteht darin, präzise Eingaben zu formulieren. In digitalen Lernumgebungen wird diese Kompetenz häufig als Prompting bezeichnet.


Dabei geht es nicht nur darum, Fragen zu stellen. Prompting bedeutet vielmehr, Aufgaben klar zu formulieren, Kontext zu geben, gewünschte Perspektiven zu definieren oder Antworten gezielt weiterzuentwickeln. Lernende steuern damit den Dialog mit der Technologie.


Dieser Prozess verlangt Analyse, Struktur und Klarheit. Lernende überlegen, welche Informationen sie benötigen, welche Aspekte wichtig sind und wie eine Aufgabe sinnvoll formuliert werden kann.


Damit wird Prompting selbst zu einer wichtigen Lernkompetenz. Wer präzise Prompts formuliert, strukturiert gleichzeitig das eigene Denken.


Gleichzeitig entsteht ein wichtiger Schritt hin zu vernetztem Denken. Lernende beginnen, Zusammenhänge zwischen Informationen zu erkennen, verschiedene Perspektiven miteinander zu verbinden und Inhalte in einen grösseren Kontext einzuordnen. Genau diese Fähigkeit gewinnt in einer komplexen und dynamischen Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung.


KI als Werkzeug für reflektiertes Lernen


Ein besonders wirkungsvoller Ansatz besteht darin, künstliche Intelligenz unterschiedliche Rollen im Lernprozess übernehmen zu lassen. Sie kann beispielsweise als Gesprächspartner, als Unterstützung bei der Strukturierung von Wissen oder als Impulsgeber für neue Ideen eingesetzt werden.


In solchen Situationen entsteht ein dialogischer Lernprozess. Gedanken werden formuliert, geprüft und weiterentwickelt. Lernende setzen sich aktiv mit Inhalten auseinander, statt Ergebnisse lediglich zu übernehmen.


Gleichzeitig bleibt es wichtig, Ergebnisse kritisch zu überprüfen. KI kann hilfreiche Informationen liefern, ist jedoch nicht unfehlbar. Inhalte können unvollständig sein oder wichtige Zusammenhänge auslassen.


Wenn Lernende Antworten vergleichen, hinterfragen und weiterentwickeln, stärken sie ihr analytisches Denken und ihr Urteilsvermögen.


Die Rolle von Berufsbildenden und Lehrpersonen


Neue Technologien verändern auch die Rolle von Ausbildenden und Lehrpersonen. Ihre Aufgabe besteht zunehmend darin, Lernende beim reflektierten Umgang mit digitalen Werkzeugen zu begleiten.


Es geht weniger darum, künstliche Intelligenz zu verbieten oder zu kontrollieren. Entscheidend ist vielmehr, Orientierung zu geben und einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologie zu fördern.


Wenn Lernende verstehen, wie KI funktioniert, welche Möglichkeiten sie bietet und wo ihre Grenzen liegen, entsteht eine kompetente Nutzung. Genau diese Fähigkeit wird in der zukünftigen Arbeitswelt eine wichtige Rolle spielen.


Lernen mit KI statt Lernen trotz KI


Die Stärke der beruflichen Grundbildung liegt darin, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden. Wissen wird im Unterricht vermittelt und im Arbeitsalltag angewendet.


Digitale Werkzeuge können diesen Prozess unterstützen. Sie helfen dabei, Informationen zu strukturieren, Beispiele zu analysieren oder neue Perspektiven zu entwickeln.


Richtig eingesetzt wird KI deshalb nicht zum Ersatz für menschliches Denken. Sie wird zu einem Werkzeug, das Lernprozesse unterstützt, Denkprozesse vertieft und individuelle Lernwege ermöglicht.


Die entscheidende Herausforderung besteht darin, Technologie bewusst in Lernprozesse zu integrieren. Nicht als Ersatz für Bildung, sondern als Instrument, das Lernen weiterentwickeln kann.


FAQ: Künstliche Intelligenz und Lernen


Macht künstliche Intelligenz Lernende weniger selbstständig?

Nicht zwingend. Entscheidend ist, wie sie eingesetzt wird. Wird KI reflektiert genutzt, kann sie selbstständiges Denken sogar fördern.


Welche Kompetenzen werden durch KI besonders wichtig?

Vor allem kritisches Denken, Problemlösungsfähigkeit, Kommunikationskompetenz und ein verantwortungsvoller Umgang mit digitalen Technologien.


Welche Rolle haben Ausbildende im Umgang mit KI?

Sie begleiten Lernende dabei, Technologien bewusst zu nutzen, Ergebnisse zu hinterfragen und KI als Werkzeug für Lernprozesse einzusetzen.




Bildquelle:

Unsplash / Getty Images


Literatur:

  • de Witt, C., Gloerfeld, C., & Wrede, S. E. (Hrsg.) (2023). Künstliche Intelligenz in der Bildung. Wiesbaden: Springer VS.

  • Sauter, W., & Stoller-Schai, D. (2025). Selbstorganisiertes Lernen mit generativer KI: Neue dialogische Lernwelten im beruflichen Kontext. Stuttgart: Schäffer-Poeschel.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag.

bottom of page