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Wenn Lernende schweigen: Psychologische Sicherheit als Grundlage wirksamer Ausbildung

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 9. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Im Ausbildungsalltag fällt manchmal ein Verhalten auf, das zunächst irritiert. Lernende stellen keine Fragen, obwohl etwas unklar ist. Unsicherheiten werden nicht angesprochen. Fehler bleiben unerwähnt oder werden möglichst verborgen.


Auf den ersten Blick könnte dieser Eindruck als mangelnde Initiative interpretiert werden. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch häufig ein anderer Zusammenhang. Viele Lernende beobachten zunächst sehr genau, wie in einem Team mit Fragen, Unsicherheiten oder Fehlern umgegangen wird. Erst danach bestimmen sie für sich selbst, wie offen sie sich einbringen.


Ob Lernende Fragen stellen, Rückmeldungen geben oder Schwierigkeiten ansprechen, hängt deshalb weniger von ihrer Motivation ab als von der Atmosphäre, die sie im Arbeitsumfeld wahrnehmen.


Genau hier gewinnt ein Begriff an Bedeutung, der in der Organisationsforschung seit einigen Jahren intensiv diskutiert wird: psychologische Sicherheit.


Gelbes Schild mit der Aufschrift „Safe Place“ als Symbol für psychologische Sicherheit und eine offene Lernkultur im Ausbildungsalltag.
Ein sicheres Umfeld ermöglicht es Lernenden, Fragen zu stellen, Unsicherheiten anzusprechen und aus Fehlern zu lernen.

Was psychologische Sicherheit bedeutet


Psychologische Sicherheit beschreibt ein Arbeits- und Lernumfeld, in dem Menschen davon ausgehen können, dass Fragen, Rückmeldungen oder Fehler keine negativen persönlichen Konsequenzen haben.


In einem solchen Umfeld entsteht Vertrauen. Menschen trauen sich eher, Unsicherheiten anzusprechen oder neue Ideen einzubringen. Fehler werden nicht automatisch mit persönlichem Versagen verbunden, sondern als Teil eines Lernprozesses verstanden.


Gerade in der Ausbildung spielt diese Haltung eine wichtige Rolle. Lernen bedeutet immer auch, etwas zum ersten Mal zu tun. Wer neue Aufgaben übernimmt, wird zwangsläufig Unsicherheiten erleben und gelegentlich Fehler machen. Im Mittelpunkt steht deshalb nicht, ob Fehler auftreten, sondern wie ein Team damit umgeht.


Wenn Lernende erleben, dass Fragen willkommen sind und Fehler sachlich reflektiert werden, entsteht eine Lernumgebung, in der Entwicklung möglich wird.


Wenn psychologische Sicherheit fehlt


Fehlt diese Sicherheit, reagieren Lernende häufig mit Anpassung. Sie versuchen, möglichst unauffällig zu funktionieren und Risiken zu vermeiden. Fragen werden zurückgehalten, Unsicherheiten bleiben unausgesprochen und Fehler werden eher verdeckt als besprochen.


Kurzfristig kann ein solches Verhalten sogar den Eindruck von Stabilität vermitteln. Aufgaben werden erledigt, Konflikte bleiben selten sichtbar und Probleme treten scheinbar kaum auf.


Langfristig zeigen sich jedoch andere Folgen. Lernende entwickeln weniger Eigeninitiative, wichtige Lernmomente bleiben ungenutzt und Unsicherheiten verfestigen sich. Statt sich aktiv mit Herausforderungen auseinanderzusetzen, versuchen viele lediglich, Fehler zu vermeiden. Lernen wird dadurch vorsichtiger, oberflächlicher und weniger nachhaltig.


Woran psychologische Sicherheit im Alltag erkennbar ist


Psychologische Sicherheit für Lernende entsteht nicht durch Leitbilder oder Absichtserklärungen. Sie zeigt sich im täglichen Umgang miteinander.


Im Ausbildungsumfeld wird sie besonders durch konkrete Verhaltensweisen sichtbar.

Typische Hinweise auf ein sicheres Lernklima sind:


  • Fragen sind ausdrücklich erwünscht

    Unklarheiten dürfen angesprochen werden, ohne als Schwäche interpretiert zu werden.


  • Fehler werden als Lerngelegenheiten genutzt

    Fehler werden gemeinsam reflektiert, statt einzelnen Personen zugeschrieben zu werden.


  • Erwartungen sind klar formuliert

    Lernende wissen, was von ihnen erwartet wird und wo sie Unterstützung erhalten.


  • Feedback erfolgt respektvoll und konkret

    Rückmeldungen sind nachvollziehbar und auf Entwicklung ausgerichtet.


  • Berufsbildende gehen in Vorleistung

    Eigene Unsicherheiten oder Erfahrungen werden offen angesprochen.


  • Perspektiven von Lernenden werden ernst genommen

    Fragen, Beobachtungen oder Ideen fliessen aktiv in Gespräche und Entscheidungen ein.


Solche Verhaltensweisen fördern Vertrauen und stärken die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen.


Die Bedeutung für die Ausbildung


Für erfahrene Fachpersonen gehört der Umgang mit Unsicherheiten oft selbstverständlich zum Berufsalltag. Für Lernende ist diese Situation jedoch neu. Sie befinden sich in einer Phase, in der sie gleichzeitig fachliche Fähigkeiten entwickeln, Verantwortung übernehmen und ihren Platz im Team finden müssen.


Psychologische Sicherheit erleichtert diesen Prozess erheblich. Sie ermöglicht es Lernenden, Fragen zu stellen, Zusammenhänge zu verstehen und Fehler als Teil eines Lernprozesses zu betrachten. Damit entsteht ein Lernklima, das nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Selbstvertrauen stärkt.


Gerade in der beruflichen Grundbildung zeigt sich deshalb, dass Ausbildungsqualität nicht nur von Fachinhalten abhängt. Sie entsteht auch durch die Art und Weise, wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Rückmeldungen im Alltag gestaltet werden.


Psychologische Sicherheit bedeutet nicht weniger Leistung


Psychologische Sicherheit wird gelegentlich missverstanden. Manchmal entsteht der Eindruck, ein solches Umfeld führe zu geringeren Anforderungen oder zu Nachsicht gegenüber Fehlern. Das Gegenteil ist der Fall.


Ein Umfeld, in dem Menschen offen über Unsicherheiten sprechen können, erleichtert Lernen und Verantwortung. Probleme werden früher erkannt, Fragen werden schneller geklärt und Lernprozesse werden bewusster gestaltet.


Gerade dadurch entsteht eine Grundlage für hohe Qualität und nachhaltige Kompetenzentwicklung.


FAQ: Psychologische Sicherheit in der Ausbildung


Was bedeutet psychologische Sicherheit im Arbeits- oder Ausbildungsumfeld?

Psychologische Sicherheit beschreibt ein Umfeld, in dem Menschen Fragen stellen, Unsicherheiten ansprechen und Fehler thematisieren können, ohne negative persönliche Konsequenzen befürchten zu müssen.


Warum ist psychologische Sicherheit für Lernende besonders wichtig?

Lernen ist immer mit Unsicherheit verbunden. Wenn Lernende sich sicher fühlen, stellen sie eher Fragen, reflektieren Fehler und entwickeln schneller neue Fähigkeiten.


Wie können Berufsbildende psychologische Sicherheit fördern?

Durch respektvolle Kommunikation, konstruktives Feedback, klare Erwartungen und eine offene Haltung gegenüber Fragen und Fehlern im Ausbildungsalltag.




Bildquelle: 

Unsplash / Veronica


Literatur:

  • Edmondson, Amy C. (2020). Die angstfreie Organisation: Wie Sie psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz für mehr Entwicklung, Lernen und Innovation schaffen. München: Franz Vahlen.

  • Gesundheitsförderung Schweiz (2023). Umgang mit psychisch belasteten Lernenden im Betrieb. Handlungsempfehlungen für Berufsbildende.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.


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