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Suchtverhalten bei Lernenden erkennen: Früh hinschauen statt wegschauen

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 31. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

In der beruflichen Grundbildung treten immer wieder Herausforderungen auf, über die im Alltag selten offen gesprochen wird. Eine davon betrifft den Umgang mit Suchtverhalten bei Lernenden. In vielen Betrieben wird dieses Thema erst sichtbar, wenn sich Veränderungen im Verhalten bemerkbar machen. Leistung, Motivation oder Präsenz können nachlassen, ohne dass die Ursachen sofort klar erkennbar sind.


Problematische Muster entstehen meist nicht plötzlich. Sie entwickeln sich schrittweise im Alltag. Nikotinprodukte, Alkohol, Energydrinks, digitale Medien oder Gaming können zunächst harmlose Begleiter sein. In manchen Fällen verfestigen sich daraus Gewohnheiten, die den Alltag zunehmend prägen.


Suchtverhalten zeigt sich deshalb selten isoliert. Häufig ist es ein Hinweis darauf, dass junge Menschen mit Belastungen, Unsicherheiten oder sozialen Erwartungen umgehen müssen. Gerade während der Ausbildung ist es für Lehrbetriebe und Berufsbildende wichtig, solche Veränderungen früh wahrzunehmen und verantwortungsvoll damit umzugehen.


Junger Mann raucht eine Zigarette im Freien, Rauch steigt vor seinem Gesicht auf, symbolisch für möglichen Nikotinkonsum bei Jugendlichen oder Lernenden.
Nikotinprodukte wie Zigaretten, Vapes oder Snus gehören zu den häufigsten Formen von Suchtverhalten, die im Alltag von Lernenden auftreten können.

Eine besondere Lebensphase


Die berufliche Grundbildung fällt in eine Phase, in der viele Entwicklungen gleichzeitig stattfinden. Jugendliche bewegen sich zwischen Schule und Arbeitswelt und beginnen, ihre eigene Rolle im Leben zu definieren. Im Betrieb gelten neue Erwartungen. Verantwortung, Verlässlichkeit und Leistung werden sichtbar. Gleichzeitig verändert sich das soziale Umfeld. Freundschaften entwickeln sich weiter, neue Gruppen entstehen und der Wunsch nach Zugehörigkeit spielt eine wichtige Rolle.


Diese Zeit kann für viele Lernende herausfordernd sein. Anforderungen im Betrieb, schulische Aufgaben und persönliche Unsicherheiten wirken oft gleichzeitig. Nicht alle jungen Menschen verfügen bereits über stabile Strategien, um mit solchen Belastungen umzugehen. In solchen Situationen können Verhaltensweisen entstehen, die kurzfristig Entlastung versprechen.


Unterschiedliche Formen von Suchtverhalten


Im öffentlichen Diskurs wird Sucht häufig mit illegalen Substanzen verbunden. In der Praxis der Ausbildung zeigt sich jedoch ein deutlich breiteres Bild. Ein Teil der Lernenden konsumiert regelmässig Nikotinprodukte wie Zigaretten, Vapes oder Snus. Andere greifen häufiger zu Alkohol oder Energydrinks. In einzelnen Fällen können auch illegale Substanzen eine Rolle spielen.


Neben stoffgebundenen Formen treten zunehmend auch Verhaltensweisen auf, die mit digitaler Nutzung zusammenhängen. Gaming, Glücksspiel oder eine intensive Nutzung sozialer Medien können ebenfalls problematische Dynamiken entwickeln. Solche Entwicklungen bleiben oft lange unauffällig. Sie zeigen sich meist indirekt über Veränderungen im Verhalten, etwa Konzentrationsprobleme, sinkende Motivation, häufige Müdigkeit oder zunehmende Absenzen.


Warum problematische Muster entstehen


Um Suchtverhalten besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Dynamik dahinter. Häufig geht es weniger um die konkrete Substanz oder Aktivität als um die Wirkung, die damit verbunden ist. Viele junge Menschen möchten dazugehören. Gruppendruck kann dazu führen, dass bestimmte Verhaltensweisen übernommen werden, um Teil einer Gemeinschaft zu bleiben.


Auch Unsicherheit spielt eine Rolle. Lernende müssen sich im Betrieb bewähren, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig schulische Anforderungen erfüllen. In solchen Situationen können bestimmte Verhaltensweisen kurzfristig Entlastung bieten. Rauchen, intensives Gaming oder Social-Media-Nutzung können Ablenkung schaffen oder ein Gefühl von Kontrolle vermitteln. Problematisch wird es dann, wenn solche Strategien dauerhaft zum wichtigsten Umgang mit Belastungen werden.


Sucht entwickelt sich meist schleichend


Sucht entsteht in den meisten Fällen nicht durch eine bewusste Entscheidung. Sie entwickelt sich schrittweise im Alltag. Was zunächst gelegentlich geschieht, kann sich über längere Zeit zu einem festen Muster entwickeln. Besonders in Phasen von Stress, Unsicherheit oder sozialem Druck steigt die Wahrscheinlichkeit, dass solche Verhaltensweisen häufiger eingesetzt werden.


Viele Lernende versuchen gleichzeitig, nach aussen zu funktionieren. Schwierigkeiten werden nicht immer offen angesprochen. Scham oder die Angst vor negativen Konsequenzen können dazu führen, dass Probleme verborgen bleiben. Gerade deshalb lohnt es sich, Veränderungen im Verhalten aufmerksam zu beobachten.


Die Rolle von Berufsbildenden


Berufsbildende erleben Lernende regelmässig im Arbeitsalltag. Dadurch können sie Veränderungen im Verhalten häufig früh wahrnehmen. Dabei geht es nicht darum, Diagnosen zu stellen oder therapeutische Aufgaben zu übernehmen. Entscheidend ist vielmehr, aufmerksam zu bleiben und bei Auffälligkeiten das Gespräch zu suchen.


Ein ruhiges und respektvolles Gespräch kann bereits viel bewirken. Zuhören, Interesse zeigen und gemeinsam überlegen, welche Unterstützung sinnvoll sein könnte, schafft Vertrauen. Entscheidend ist die Haltung. Ein moralischer Ton oder vorschnelle Vorwürfe führen selten zu Lösungen. Offenheit und respektvolle Kommunikation ermöglichen hingegen, dass Lernende über ihre Situation sprechen können.


Unterstützung als gemeinsamer Prozess


Wenn sich problematische Entwicklungen zeigen, kann Unterstützung auf unterschiedlichen Ebenen erfolgen. In vielen Fällen kann bereits ein Gespräch im Betrieb hilfreich sein. Manchmal braucht es jedoch zusätzliche Unterstützung. Externe Fachstellen verfügen über Erfahrung in Beratung und Prävention. Sie können sowohl Lernende als auch Betriebe begleiten und helfen, geeignete nächste Schritte zu planen.


Die Zusammenarbeit mit Fachstellen ermöglicht eine professionelle Einschätzung der Situation und kann dazu beitragen, Belastungen frühzeitig zu entschärfen. Wichtig ist dabei, dass Unterstützung nicht als Sanktion verstanden wird, sondern als Teil einer verantwortungsvollen Ausbildungsbegleitung.


Aufmerksamkeit als Teil guter Ausbildung


Suchtverhalten bei Lernenden ist kein Randthema. Es berührt grundlegende Fragen der Begleitung junger Menschen während ihrer Ausbildung. Gerade weil sich problematische Entwicklungen oft schleichend entwickeln, ist frühe Aufmerksamkeit wichtig.


Ausbildung umfasst nicht nur fachliche Kompetenzentwicklung. Sie findet immer im Kontext persönlicher Entwicklung statt. Wer Veränderungen wahrnimmt und offen für Gespräche bleibt, kann dazu beitragen, dass Lernende Unterstützung erhalten, bevor sich problematische Muster verfestigen.


FAQ: Suchtverhalten bei Lernenden


Woran können Betriebe problematisches Verhalten erkennen?

Hinweise können Veränderungen im Verhalten sein, etwa sinkende Motivation, Konzentrationsprobleme, häufige Müdigkeit oder zunehmende Absenzen.


Welche Rolle haben Berufsbildende in solchen Situationen?

Berufsbildende übernehmen keine therapeutische Funktion. Ihre Aufgabe besteht darin, Veränderungen wahrzunehmen, Gespräche zu führen und bei Bedarf Unterstützung zu vermitteln.


Wann ist externe Unterstützung sinnvoll?

Wenn sich problematische Muster verfestigen oder Gespräche im Betrieb keine Veränderung bewirken, kann die Zusammenarbeit mit Fachstellen sinnvoll sein.




Bildquelle:

Unsplash / Tolga Ahmetler


Studien:

  • Sucht Schweiz (2022). HBSC-Studie Schweiz: Gesundheit und Gesundheitsverhalten von Jugendlichen in der Schweiz. Lausanne.

  • Bundesamt für Gesundheit BAG (2023). Nationale Strategie Sucht 2017–2024: Aktuelle Entwicklungen und Präventionsansätze. Bern.

  • Universität St. Gallen (2025). St. Galler Jugendstudie: Lebensrealitäten und Belastungen junger Menschen in der Schweiz. St. Gallen.


Beratung und Unterstützung in der Schweiz:

  • Sucht Schweiz – Informationen zu Prävention und Beratung für Jugendliche und Betriebe

  • Lungenliga Schweiz – Informationen zu Tabak, Vapes und Nikotinprävention

  • SafeZone – Anonyme Onlineberatung zu Suchtfragen

  • zackstark – Nikotinfrei durch die Lehre


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.

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