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Die Rolle der Berufsbildenden: Balance zwischen Produktivität und Ausbildung

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 28. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Die betriebliche Berufsbildung gilt als eine der grossen Stärken des Schweizer Bildungssystems. Sie verbindet praktisches Arbeiten mit systematischem Lernen und ermöglicht jungen Menschen einen direkten Einstieg in die Arbeitswelt. Weniger sichtbar ist jedoch ein zentraler Erfolgsfaktor dieses Modells: die Rolle der Berufsbildenden im Betrieb.


Berufsbildende begleiten Lernende im Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Sie vermitteln nicht nur fachliche Fähigkeiten, sondern auch berufliche Orientierung, Arbeitskultur und Verantwortungsbewusstsein. Gleichzeitig stehen sie mitten im betrieblichen Alltag. Produktionsziele, Termine und Qualitätsanforderungen bestimmen ihre Arbeit ebenso wie Lernprozesse und Ausbildungsaufgaben.


Genau daraus entsteht eine besondere Herausforderung der betrieblichen Ausbildung: die Balance zwischen Produktivität und Lernbegleitung.


Ausbildungsqualität entsteht dort, wo Betriebe diese Doppelrolle bewusst erkennen und strukturell unterstützen.


Waage als Symbol für die Balance zwischen Produktivität und Ausbildungsbegleitung von Berufsbildenden in der Schweizer Berufsbildung.
Berufsbildende im Betrieb balancieren täglich zwischen Produktivität im Arbeitsalltag und der Begleitung von Lernprozessen.

Die doppelte Verantwortung von Berufsbildenden


Ausbildung im Betrieb findet selten ausserhalb des Tagesgeschäfts statt. Lernprozesse entstehen mitten in realen Arbeitsabläufen. Während Projekte umgesetzt, Kundenaufträge erledigt oder Produkte hergestellt werden, lernen junge Menschen gleichzeitig ihren Beruf.


Berufsbildende erklären Arbeitsprozesse, sichern Qualität und ermöglichen schrittweise selbstständiges Arbeiten. Sie müssen entscheiden, wann sie eingreifen und wann sie Lernenden Raum geben, eigene Erfahrungen zu machen. Diese Entscheidungen gehören zum Alltag der Ausbildungsbegleitung.


Besonders anspruchsvoll wird diese Aufgabe, weil Lernen Zeit benötigt. Arbeitsprozesse im Betrieb hingegen folgen oft engen Zeitfenstern. Lernende brauchen Zeit, um Zusammenhänge zu verstehen, Fehler zu reflektieren und Sicherheit zu gewinnen. Berufsbildende müssen deshalb kontinuierlich zwischen Effizienz und Lernprozess vermitteln.


Diese Balance bleibt häufig unsichtbar, solange sie funktioniert. Erst wenn Schwierigkeiten auftreten, wird deutlich, wie komplex diese Rolle tatsächlich ist.


Produktivität und Lernen als gemeinsamer Prozess


Im Ausbildungsalltag stehen betriebliche Leistungserbringung und Lernen nicht zwangsläufig im Widerspruch. Im Gegenteil: Gerade reale Arbeitsprozesse bieten wertvolle Lernmöglichkeiten.


Wenn Lernende aktiv in Arbeitsabläufe eingebunden werden, entwickeln sie ein Verständnis für Zusammenhänge. Sie erleben, welche Auswirkungen Entscheidungen auf Qualität, Sicherheit oder Zeitplanung haben. Lernen wird dadurch konkret und praxisnah.


Gleichzeitig müssen Berufsbildende darauf achten, dass Lernende nicht nur ausführen, sondern auch verstehen. Fragen stellen, Zusammenhänge erklären und Rückmeldungen geben gehören deshalb zu den zentralen Aufgaben der Ausbildungsbegleitung.

Produktivität und Ausbildung können sich gegenseitig ergänzen, wenn Lernprozesse bewusst gestaltet werden.


Drei Dimensionen der Rolle von Berufsbildenden


Um die Rolle von Berufsbildenden besser zu verstehen, lässt sich ihre Tätigkeit in drei miteinander verbundene Bereiche einteilen.


  1. Fachliche Kompetenz

    Berufsbildende müssen Arbeitsprozesse sicher beherrschen und betriebliche Qualität gewährleisten. Fachliches Können bildet die Grundlage jeder Ausbildung.


  2. Didaktische Gestaltung

    Arbeitsprozesse müssen verständlich erklärt werden. Lernschritte werden strukturiert aufgebaut, damit Lernende Aufgaben zunehmend selbstständig übernehmen können.


  3. Begleitung und Führung

    Lernende befinden sich in einer wichtigen Entwicklungsphase. Sie benötigen Orientierung, Rückmeldungen und Unterstützung bei Unsicherheiten oder Leistungsdruck.


Erst im Zusammenspiel dieser drei Dimensionen entsteht eine Ausbildung, die sowohl fachliche als auch persönliche Entwicklung fördert.


Lernkultur im Betrieb als entscheidender Faktor


Neben individuellen Fähigkeiten spielt auch die Lernkultur im Betrieb eine zentrale Rolle. In einer lernorientierten Umgebung werden Fragen nicht als Störung wahrgenommen, sondern als Teil des Lernprozesses. Fehler werden analysiert, statt nur korrigiert.


Eine solche Kultur erleichtert Berufsbildenden ihre Aufgabe erheblich. Lernende erleben, dass Lernen zum Arbeitsalltag gehört und dass Entwicklung Zeit braucht. Gleichzeitig entsteht ein Umfeld, in dem Feedback, Reflexion und Zusammenarbeit selbstverständlich sind.


Gerade in diesem Zusammenspiel zeigt sich die Stärke der dualen Berufsbildung. Lernen und Arbeiten sind nicht getrennt, sondern Teil desselben Prozesses.


Herausforderungen im Ausbildungsalltag


Die Herausforderungen der Ausbildungsbegleitung entstehen selten aus mangelnder Kompetenz. Häufig entstehen sie aus strukturellen Spannungen im Arbeitsalltag.


Produktionsdruck, steigende Qualitätsanforderungen und begrenzte Zeitressourcen erschweren eine systematische Lernbegleitung. Gleichzeitig bringen Lernende unterschiedliche Voraussetzungen, Erwartungen und Lernrhythmen mit.


Auch Fragen der Motivation, der Leistungsbeurteilung oder der Kommunikation im Arbeitsalltag gehören zunehmend zur Rolle der Berufsbildenden. Sie begleiten junge Menschen in einer Phase, in der berufliche Identität, Selbstvertrauen und Zukunftsperspektiven entstehen.


Diese Verantwortung macht deutlich, dass Berufsbildende nicht nur Fachpersonen sind. Sie sind auch zentrale Bezugspersonen im beruflichen Entwicklungsprozess junger Menschen.


Verbindung zu Zukunftskompetenzen


Die Anforderungen an Fachkräfte verändern sich. Digitalisierung, Automatisierung und neue Formen der Zusammenarbeit führen dazu, dass neben Fachwissen zunehmend überfachliche Fähigkeiten an Bedeutung gewinnen.


Problemlösungsfähigkeit, Selbstorganisation, Kommunikationsfähigkeit oder Lernkompetenz entstehen jedoch selten durch Theorie allein. Sie entwickeln sich vor allem im Arbeitsalltag.


Berufsbildende spielen deshalb eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung solcher Zukunftskompetenzen. Durch Feedback, Reflexion und schrittweise übertragene Verantwortung ermöglichen sie Lernenden, Erfahrungen zu sammeln und daraus zu lernen.


Ausbildungsqualität als gemeinsame Verantwortung


Ausbildungsqualität entsteht nicht allein durch engagierte Berufsbildende. Sie ist immer auch das Ergebnis organisationaler Rahmenbedingungen.


Betriebe, die ihre Ausbildungsarbeit bewusst gestalten, schaffen Zeitfenster für Lernbegleitung, ermöglichen Austausch zwischen Berufsbildenden und fördern Weiterbildungen in pädagogischen und kommunikativen Kompetenzen.


Eine solche Unterstützung stärkt nicht nur die Qualität der Ausbildung. Sie trägt auch zur langfristigen Fachkräftesicherung bei. Lernende entwickeln in diesem Umfeld nicht nur Fachkompetenz, sondern auch Motivation, Selbstvertrauen und berufliche Handlungssicherheit.


Bedeutung für die Zukunft der Berufsbildung


Die Stärke der Schweizer Berufsbildung liegt in der engen Verbindung zwischen Praxis und Lernen. Damit dieses Modell auch in Zukunft erfolgreich bleibt, braucht es einen realistischen Blick auf die Rolle der Berufsbildenden.


Wer Ausbildungsqualität stärken möchte, muss die Bedeutung der Lernbegleitung im Betrieb anerkennen. Berufsbildende prägen nicht nur fachliche Fähigkeiten, sondern auch Lernkultur, Motivation und berufliche Entwicklung.


Die Balance zwischen Produktivität und Ausbildung ist deshalb kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist ein zentrales Merkmal der betrieblichen Berufsbildung.

Gerade in dieser Verbindung liegt eine der wichtigsten Stärken des Schweizer Systems.


FAQ: Die Rolle von Berufsbildenden im Betrieb


Warum ist die Rolle von Berufsbildenden so anspruchsvoll?

Berufsbildende verbinden zwei Aufgaben gleichzeitig. Sie arbeiten produktiv im Betrieb und begleiten gleichzeitig Lernprozesse. Diese Gleichzeitigkeit erfordert fachliche, didaktische und soziale Kompetenzen.


Welche Fähigkeiten brauchen Berufsbildende neben Fachwissen?

Neben Fachkompetenz sind Kommunikationsfähigkeit, Feedbackkompetenz, Geduld und ein reflektierter Führungsstil wichtig. Diese Fähigkeiten unterstützen die Kompetenzentwicklung von Lernenden.


Wie können Lehrbetriebe Berufsbildende besser unterstützen?

Durch klare Zeitressourcen für Ausbildung, Weiterbildungsmöglichkeiten und Austauschformate zwischen Berufsbildenden. Ausbildungsqualität entsteht selten durch Einzelpersonen, sondern durch unterstützende Strukturen.




Bildquelle: 

Unsplash / Wesley Tingey


Literatur:

  • Wettstein, Emil; Schmid, Evi; Gonon, Philipp (2014). Berufsbildung in der Schweiz. Formen, Strukturen, Akteure. Bern: hep Verlag.

  • Dehnbostel, Peter (2018). Lernen im Prozess der Arbeit. Münster: Waxmann.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.


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