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Gute Fachkräfte sind nicht automatisch gute Berufsbildende und benötigen andere Kompetenzen

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 15. Feb.
  • 4 Min. Lesezeit

Die Schweizer Berufsbildung gilt international als erfolgreiches Modell für den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Ihr Erfolg beruht nicht nur auf der engen Verbindung zwischen Praxis und Lernen, sondern vor allem auf der Qualität der Ausbildung im Betrieb. Dabei zeigt sich im Alltag immer wieder eine zentrale Erkenntnis: Gute Fachkräfte sind nicht automatisch gute Berufsbildende.


Dieser Satz wirkt zunächst selbstverständlich. Seine Bedeutung wird jedoch häufig erst dann sichtbar, wenn Ausbildung im Arbeitsalltag anspruchsvoll wird. Fachkompetenz bildet die Grundlage für Qualität im Beruf. Wirksame Ausbildungsbegleitung verlangt jedoch zusätzliche Fähigkeiten. Ausbildungsqualität entsteht dort, wo fachliche Stärke mit pädagogischer Kompetenz, reflektierter Führung und bewusster Lernbegleitung verbunden wird.


Berufsbildnerin sitzt mit einer Lernenden am Tisch und telefoniert. Sinnbild für mangelnde Betreuung.
Ausbildungsbegleitung bedeutet mehr als Fachwissen weiterzugeben. Berufsbildende unterstützen Lernende dabei, Arbeitsschritte zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen und sich beruflich zu entwickeln.

Fachkompetenz als Grundlage der Ausbildung


Fachkompetenz ist eine zentrale Voraussetzung für jede berufliche Tätigkeit. Sie ermöglicht es, Arbeitsprozesse sicher auszuführen, Qualität zu gewährleisten und Verantwortung im Betrieb zu übernehmen. Ohne solides Fachwissen kann auch keine glaubwürdige Ausbildung stattfinden.


Für die Begleitung von Lernenden reicht Fachkompetenz allein jedoch nicht aus. Berufsbildende übernehmen zusätzlich eine pädagogische Rolle. Sie müssen Arbeitsprozesse nicht nur korrekt ausführen, sondern auch verständlich erklären können. Sie beobachten Lernstände, erkennen Entwicklungsbedarfe und passen Aufgaben an das Lerntempo der Lernenden an.


Damit verändert sich die Perspektive auf Arbeit. Viele erfahrene Fachkräfte führen ihre Tätigkeiten intuitiv aus. Entscheidungen werden oft automatisch getroffen, weil sie auf langjähriger Erfahrung beruhen. Für Lernende sind diese Zwischenschritte jedoch neu. Sie müssen verstehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden und welche Überlegungen hinter einzelnen Arbeitsschritten stehen.


Der Unterschied zwischen Facharbeit und Lernbegleitung


Der entscheidende Unterschied zwischen Facharbeit und Ausbildungsbegleitung liegt im bewussten Gestalten von Lernprozessen. Fachkräfte konzentrieren sich auf die effiziente Ausführung von Aufgaben. Berufsbildende müssen zusätzlich erklären, strukturieren und Rückmeldungen geben.


Lernende benötigen Orientierung. Sie müssen nicht nur wissen, was zu tun ist, sondern auch verstehen, wie sie schrittweise selbstständig handeln können. Berufsbildende unterstützen diesen Prozess, indem sie Aufgaben passend zum Entwicklungsstand auswählen und Lernfortschritte sichtbar machen.


Diese Form der Begleitung verlangt Aufmerksamkeit für Lernprozesse. Sie verlangt Geduld, wenn Fortschritte langsamer erfolgen als erwartet. Sie verlangt Klarheit, wenn Erwartungen formuliert werden müssen. Und sie verlangt die Fähigkeit, Verantwortung schrittweise zu übertragen, ohne Qualität zu gefährden.


Drei Ebenen der Rolle von Berufsbildenden


Die Rolle von Berufsbildenden lässt sich vereinfacht in drei miteinander verbundene Bereiche einordnen:


  1. Fachliche Kompetenz

    Sie bildet die Grundlage für glaubwürdige Ausbildung und stellt sicher, dass Lernende korrekte Arbeitsweisen kennenlernen.


  2. Didaktische Kompetenz

    Sie ermöglicht es, Arbeitsprozesse verständlich zu erklären, Lernschritte zu strukturieren und Lernfortschritte bewusst zu begleiten.


  3. Führung und Beziehungsgestaltung

    Lernende benötigen Orientierung, Feedback und Vertrauen. Gleichzeitig brauchen sie klare Erwartungen, Verbindlichkeit und Verantwortung.


Erst im Zusammenspiel dieser drei Ebenen entsteht nachhaltige Kompetenzentwicklung. Berufsbildende bewegen sich deshalb nicht nur zwischen Arbeit und Ausbildung, sondern auch zwischen Fachkompetenz, Lernbegleitung und Führung.


Typische Herausforderungen im Ausbildungsalltag


Viele erfahrene Fachkräfte unterschätzen zunächst die Anforderungen dieser Rolle. Im eigenen Arbeitsalltag sind zahlreiche Abläufe automatisiert. Entscheidungen werden intuitiv getroffen und erscheinen selbstverständlich.


Für Lernende gilt das Gegenteil. Sie befinden sich am Anfang ihrer beruflichen Entwicklung und müssen jeden Schritt neu verstehen. Werden diese Zwischenschritte nicht bewusst erklärt, entsteht häufig Anpassung statt nachhaltiger Kompetenzentwicklung.


Auch kommunikative Anforderungen spielen eine wichtige Rolle. Berufsbildende müssen Erwartungen klar formulieren, Rückmeldungen geben und anspruchsvolle Gespräche führen. Sie müssen Geduld zeigen, wenn Lernprozesse Zeit benötigen, und gleichzeitig Verantwortung übertragen, wenn Lernende bereit dafür sind.


Diese Balance zwischen Unterstützung und Verbindlichkeit gehört zu den zentralen Herausforderungen der Ausbildungsbegleitung.


Ausbildungsqualität als gemeinsame Verantwortung


Ausbildungsqualität entsteht nicht allein durch engagierte Berufsbildende. Sie ist immer auch Ergebnis der Rahmenbedingungen im Betrieb.


Unternehmen, die ihre Ausbildungsarbeit bewusst gestalten, schaffen Zeitfenster für Lernbegleitung, ermöglichen Austausch zwischen Berufsbildenden und fördern Weiterbildungen in pädagogischen und kommunikativen Kompetenzen.


Ausbildungskompetenz entwickelt sich selten zufällig. Sie entsteht durch Reflexion, Austausch und kontinuierliche Weiterentwicklung. Wer Lernende begleitet, übernimmt Verantwortung für Menschen und für ihre berufliche Entwicklung im Arbeitsalltag.


Bedeutung für die Zukunft der Berufsbildung


Die Stärke der Schweizer Berufsbildung liegt in der Verbindung von Praxis und Lernen. Damit dieses Modell auch in Zukunft erfolgreich bleibt, braucht es ein realistisches Verständnis der Rolle von Berufsbildenden im Betrieb.


Ausbildung darf nicht als Nebenaufgabe verstanden werden. Fachkompetenz bildet die Grundlage, doch pädagogische Begleitung, Kommunikationsfähigkeit und reflektierte Führung entscheiden darüber, ob Lernende nachhaltige Kompetenzen entwickeln.


Wer die Rolle der Berufsbildenden stärkt, investiert nicht nur in einzelne Ausbildungsplätze. Er stärkt die Fachkräfte von morgen und damit die Zukunftsfähigkeit der Schweizer Arbeitswelt.


FAQ: Kompetenzen von Berufsbildenden in Lehrbetrieben


Warum reicht Fachkompetenz allein für Ausbildung nicht aus?

Fachkompetenz ermöglicht die Ausführung von Arbeit. Ausbildungsbegleitung verlangt zusätzlich die Fähigkeit, Lernprozesse zu erklären, Lernstände zu erkennen und Lernfortschritte zu begleiten.


Welche Fähigkeiten brauchen Berufsbildende zusätzlich?

Neben Fachwissen sind Geduld, Empathie, Kommunikationsfähigkeit und didaktisches Grundverständnis entscheidend.


Wie können Lehrbetriebe Berufsbildende unterstützen?

Durch Weiterbildung, Austauschmöglichkeiten und ausreichend Zeit für Lernbegleitung. Ausbildungsqualität entsteht selten durch Einzelpersonen, sondern durch unterstützende Strukturen.




Bildquelle: 

Unsplash / Ahmet Kurt

 

Literatur:

  • Arnold, Rolf (2017). Wie man lernt, ohne belehrt zu werden. 29 Regeln für eine kluge Lernkultur. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.

  • Dehnbostel, Peter (2018). Lernen im Prozess der Arbeit. Münster: Waxmann.

  • Euler, Dieter (2013). Qualität der Berufsbildung. Erfolgsfaktoren und Herausforderungen. St. Gallen: Universität St. Gallen.

  • SDBB / CSFO (2019). Handbuch betriebliche Grundbildung. 5., überarbeitete Auflage. Bern: SDBB / CSFO.

  • Wettstein, Emil; Schmid, Evi; Gonon, Philipp (2014). Berufsbildung in der Schweiz. Formen, Strukturen, Akteure. 2., überarbeitete Auflage. Bern: hep Verlag.

  • Schmid, Evi; Gonon, Philipp (2021). Berufsbildung im internationalen Vergleich. Bern: hep Verlag.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.



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