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Fähigkeiten haben kein Geschlecht: Warum Geschlechterklischees die Berufswahl beeinflussen

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 4. Nov. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Handwerkliche und technische Berufe werden noch immer häufiger von Männern gewählt, während soziale oder pflegerische Tätigkeiten stärker von Frauen geprägt sind. Diese Verteilung wirkt auf den ersten Blick selbstverständlich. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass sie selten allein durch individuelle Interessen entsteht.


Schon früh lernen Kinder, welche Tätigkeiten als typisch weiblich oder typisch männlich gelten. Solche Bilder entstehen in der Familie, in der Schule, in Medien oder im Freundeskreis. Sie prägen Erwartungen darüber, welche Fähigkeiten zu welchem Geschlecht passen. Wenn Jugendliche später beginnen, sich mit ihrer beruflichen Zukunft auseinanderzusetzen, wirken diese Vorstellungen oft unbewusst weiter.


Statistiken zeigen seit Jahren, dass bestimmte Berufsfelder stark geschlechtsspezifisch geprägt bleiben. Technische und handwerkliche Tätigkeiten werden überwiegend von Männern gewählt, während soziale und pflegerische Berufe häufiger von Frauen ausgeübt werden. Diese Verteilung verändert sich zwar langsam, bleibt jedoch in vielen Branchen deutlich sichtbar.


Dabei stehen heute grundsätzlich alle Berufe allen Jugendlichen offen. In der Praxis beeinflussen gesellschaftliche Bilder die Berufswahl jedoch häufig stärker, als vielen bewusst ist.


Frau mit Schutzhelm arbeitet mit einer Wasserwaage an einem Fensterrahmen auf einer Baustelle, symbolisch für Frauen in technischen und handwerklichen Berufen.
Fähigkeiten haben kein Geschlecht. Interesse, Lernbereitschaft und Engagement entscheiden darüber, wie Menschen ihre beruflichen Fähigkeiten entwickeln.

Die Realität im Arbeitsalltag


Wer im betrieblichen Alltag arbeitet, erlebt häufig ein anderes Bild als jenes, das von Klischees geprägt ist. Fähigkeiten, Interesse und Engagement lassen sich nicht an Geschlechtergrenzen festmachen.


Gerade in technischen oder handwerklichen Tätigkeiten zeigt sich immer wieder, dass gemischte Teams unterschiedliche Perspektiven einbringen. Verschiedene Herangehensweisen und Erfahrungen können dazu beitragen, Herausforderungen aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten und Lösungen kreativer zu entwickeln.


Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch in sozialen oder pflegerischen Tätigkeiten machen. Männer, die sich für solche Berufe entscheiden, bringen eigene Erfahrungen und Sichtweisen ein. Teams profitieren dadurch von unterschiedlichen Denkweisen und Kompetenzen.


Die Praxis zeigt deshalb deutlich, dass berufliche Fähigkeiten vor allem durch Lernen, Erfahrung und Interesse entstehen.


Ein strukturelles Thema der Berufsbildung


Geschlechterbilder betreffen nicht nur individuelle Entscheidungen. Sie wirken sich auch auf Ausbildungssysteme und Arbeitsmärkte aus.


Wenn bestimmte Berufe stark geschlechtsspezifisch geprägt sind, entstehen langfristige Folgen. Betriebe erhalten weniger Bewerbungen aus einem Teil der Bevölkerung, Branchen verlieren potenzielle Fachkräfte und individuelle Talente bleiben ungenutzt.


Gerade im Kontext des Fachkräftemangels gewinnt diese Perspektive an Bedeutung. Wenn Jugendliche bestimmte Berufe gar nicht erst in Betracht ziehen, verkleinert sich der mögliche Talentpool erheblich.


Eine offene Berufsbildung erweitert dagegen die Chancen für beide Seiten. Jugendliche können Berufe wählen, die zu ihren Fähigkeiten und Interessen passen, während Betriebe Zugang zu einem grösseren Kreis an Talenten erhalten.


Vorbilder erweitern den Blick


Ein wichtiger Einflussfaktor bei Berufswahlentscheidungen sind Vorbilder. Wenn Jugendliche erleben, die bewusst traditionelle Rollenbilder durchbrechen, erweitert sich ihr Bild möglicher Berufswege.


Eine Frau, die in einem technischen Beruf arbeitet, oder ein Mann, der in einem sozialen Tätigkeitsfeld tätig ist, kann zeigen, dass berufliche Wege nicht durch Geschlechterrollen begrenzt sind.


Solche Erfahrungen wirken oft stärker als abstrakte Diskussionen über Gleichstellung. Sichtbare Beispiele eröffnen neue Perspektiven und machen deutlich, dass unterschiedliche Wege möglich sind.


Selbstvertrauen und Berufswahl


Neben gesellschaftlichen Erwartungen spielt auch das eigene Selbstvertrauen eine wichtige Rolle bei der Berufswahl. Jugendliche entscheiden sich häufiger für Tätigkeiten, in denen sie sich kompetent fühlen.


Wenn Mädchen beispielsweise weniger Berührungspunkte mit technischen Tätigkeiten haben oder Jungen kaum Einblicke in soziale Tätigkeiten erhalten, kann dies ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten beeinflussen. Die Folge ist nicht selten, dass bestimmte Berufe gar nicht erst in Betracht gezogen werden.


Eine vielfältige Berufsorientierung kann helfen, solche Grenzen zu überwinden. Wenn Jugendliche verschiedene Tätigkeiten ausprobieren und unterschiedliche Berufsfelder kennenlernen, entsteht ein realistischeres Bild möglicher Berufswege.


Vielfalt als Stärke im Betrieb


Vielfalt wirkt sich nicht nur auf die Unternehmenskultur aus, sondern auch auf Zusammenarbeit und Innovation.


Unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven können dazu beitragen, Herausforderungen differenzierter zu betrachten und neue Lösungsansätze zu entwickeln. Teams profitieren davon, wenn Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Denkweisen zusammenarbeiten.


Die Öffnung von Berufen für unterschiedliche Lebensentwürfe ist deshalb nicht nur eine Frage der Gleichstellung. Sie ist auch ein wichtiger Faktor für die Zukunftsfähigkeit von Organisationen und Branchen.


Früh beginnen statt später korrigieren


Ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Geschlechterklischees liegt im Zeitpunkt der Auseinandersetzung. Häufig werden solche Fragen erst thematisiert, wenn Jugendliche bereits mitten in der Berufswahl stehen.


Zu diesem Zeitpunkt haben sich viele Vorstellungen bereits verfestigt. Bilder darüber, welche Tätigkeiten zu welchem Geschlecht passen, entstehen oft schon deutlich früher. Erfahrungen im Alltag, im familiären Umfeld oder in der Schule prägen, welche Tätigkeiten Kinder als interessant oder passend wahrnehmen.


Deshalb gewinnt eine frühe Auseinandersetzung mit vielfältigen Rollenbildern zunehmend an Bedeutung. Wenn bereits Kinder erleben, dass Menschen unabhängig vom Geschlecht in unterschiedlichen Berufen tätig sind, erweitert sich ihr Bild möglicher Zukunftswege.


In einem Interview mit der Fachzeitschrift Bildungszentrum Frühe Kindheit habe ich in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass frühe praktische Erfahrungen eine wichtige Rolle für spätere Interessen spielen können. Wenn Kinder handwerkliche oder technische Tätigkeiten bereits früh kennenlernen und ausprobieren können, erweitert sich ihr Verständnis davon, welche beruflichen Möglichkeiten grundsätzlich offenstehen.


Das vollständige Interview ist in der Ausgabe „Mit Händen und Füssen“ der Fachzeitschrift Bildungszentrum Frühe Kindheit erschienen.


Die Rolle von Lehrbetrieben und Ausbildenden


Lehrbetriebe und Berufsbildende haben einen wichtigen Einfluss darauf, wie Jugendliche Berufe wahrnehmen. Sie sind häufig direkte Ansprechpartner während der Berufsorientierung und während der Ausbildung.


Ihre Haltung kann wesentlich dazu beitragen, ob sich Jugendliche willkommen fühlen oder nicht. Offene Kommunikation, respektvolle Zusammenarbeit und eine wertschätzende Ausbildungskultur schaffen ein Umfeld, in dem sich Lernende unabhängig von Geschlechterrollen entwickeln können.


Wenn Betriebe zeigen, dass sie Vielfalt aktiv unterstützen, senden sie ein wichtiges Signal. Sie machen deutlich, dass Motivation, Engagement und Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen.


Zukunftsperspektive für die Berufsbildung


Die Berufsbildung in der Schweiz steht vor verschiedenen Herausforderungen. Technologische Entwicklungen verändern Berufsbilder, neue Kompetenzen werden wichtiger und der Fachkräftemangel bleibt ein zentrales Thema.


In diesem Kontext gewinnt die Frage nach offenen Berufsbildern zusätzliche Bedeutung. Wenn Jugendliche Berufe wählen können, die zu ihren Interessen und Fähigkeiten passen, entstehen bessere Voraussetzungen für langfristige berufliche Entwicklung.


Berufliche Fähigkeiten entstehen durch Interesse, Lernen und Erfahrung. Sie sind nicht an Geschlechtergrenzen gebunden.


FAQ: Geschlechterrollen in der Berufsbildung


Warum wählen Jugendliche häufig geschlechtstypische Berufe?

Viele Entscheidungen werden durch gesellschaftliche Bilder geprägt, die bereits in der Kindheit entstehen und später die Berufswahl beeinflussen.


Welche Rolle können Betriebe spielen?

Betriebe können durch offene Kommunikation, vielfältige Teams und eine respektvolle Ausbildungskultur dazu beitragen, dass sich Lernende unabhängig von Geschlechterklischees entwickeln können.


Warum ist Vielfalt für Betriebe wichtig?

Vielfalt erweitert Perspektiven, stärkt Zusammenarbeit und kann dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu reduzieren.




Bildquelle:

Unsplash / Pablo Merchán Montes


Literatur und weitere Quellen:

  • Müller, Romano (2018). Berufswahl und Lehre: Berufliche Orientierungs- und Entscheidungsprozesse bei ausländischen und schweizerischen Jugendlichen.Bern: hep Verlag.

  • Makarova, Elena (2019). Gendersensible Berufsorientierung und Berufswahl: Beiträge aus Forschung und Praxis.Bern: hep Verlag.

  • Zürcher, Remo (Interview). Wie frühe Erfahrungen den Weg in handwerkliche Berufe ebnen. In: Fachzeitschrift vom Bildungszentrum Frühe Kindheit, Ausgabe „Mit Händen und Füssen“.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus der Berufsorientierung und dem Ausbildungsalltag.


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