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Eltern und Berufswahl: Warum ihre Rolle oft unterschätzt wird

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 9. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Die Berufswahl gehört zu den wichtigsten Entscheidungen im Übergang von der Schule in die Arbeitswelt. Jugendliche sollen ihre Interessen entdecken, ihre Stärken erkennen und einen passenden beruflichen Weg finden. In vielen Diskussionen stehen deshalb Jugendliche selbst im Mittelpunkt. Es wird über Motivation, Leistungsdruck oder Zukunftsängste gesprochen. Ein entscheidender Einflussfaktor bleibt jedoch häufig im Hintergrund: die Rolle der Eltern.


Im Alltag der Berufsorientierung zeigt sich immer wieder, dass Eltern einen grossen Einfluss auf die Entscheidungen ihrer Kinder haben. Viele Jugendliche orientieren sich nicht nur an ihren eigenen Interessen, sondern auch an Erwartungen, Vorstellungen oder Unsicherheiten aus dem familiären Umfeld. Das ist nachvollziehbar. Eltern möchten das Beste für ihre Kinder. Gleichzeitig kann genau dieser Einfluss dazu führen, dass berufliche Möglichkeiten unterschätzt oder falsch eingeschätzt werden.


Vater sitzt mit seinem Sohn auf einem Sofa und schaut gemeinsam mit ihm auf ein Tablet. Beide sprechen miteinander, symbolisch für den Einfluss von Eltern auf die Berufswahl von Jugendlichen.
Eltern spielen eine zentrale Rolle bei der Berufswahl ihrer Kinder. Gespräche über Interessen, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Berufsbildung können den Entscheidungsprozess entscheidend prägen.

Eltern als wichtigste Bezugspersonen bei der Berufswahl


Jugendliche befinden sich während der Berufswahl in einer Phase der Orientierung. Sie sammeln erste Erfahrungen, vergleichen Möglichkeiten und suchen nach Sicherheit für ihre Zukunft. In dieser Situation spielen Eltern eine zentrale Rolle. Sie sind oft die wichtigsten Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, wenn es um berufliche Entscheidungen geht.


Forschungsarbeiten zur Berufsorientierung zeigen immer wieder, dass Eltern einen der stärksten Einflüsse auf den Berufswahlprozess haben. Ihre Haltung zu Bildung, Arbeit und Karriere prägt die Wahrnehmung der Jugendlichen. Wenn Eltern bestimmte Wege als besonders wertvoll ansehen, beeinflusst das auch die Erwartungen ihrer Kinder.


Eltern übernehmen dabei verschiedene Rollen. Sie geben Orientierung, teilen eigene Erfahrungen aus dem Berufsleben und helfen ihren Kindern, Möglichkeiten einzuordnen. Gleichzeitig prägen sie Erwartungen darüber, welche Wege als besonders attraktiv oder sicher gelten.


Das bedeutet nicht, dass Jugendliche ihre Entscheidungen vollständig nach den Vorstellungen ihrer Eltern treffen. Der familiäre Rahmen bildet jedoch häufig die Grundlage, auf der berufliche Möglichkeiten bewertet werden.


Wissenslücken über das Schweizer Bildungssystem


Ein zentraler Grund für Missverständnisse in der Berufswahl liegt im Wissen über das Bildungssystem. Viele Eltern sind mit der heutigen Struktur der Berufsbildung nicht ausreichend vertraut. Sie kennen zwar den Begriff der Lehre, unterschätzen jedoch häufig die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben.


Das Schweizer Bildungssystem bietet zahlreiche Wege der Weiterbildung. Eine berufliche Grundbildung mit EFZ kann zu verschiedenen Weiterbildungen führen, etwa zu einem eidgenössischen Fachausweis, zu höheren Fachschulen oder zu Fachhochschulen. Diese Durchlässigkeit gehört zu den grossen Stärken der Schweizer Bildungslandschaft.


Trotzdem wird die Berufslehre in manchen Familien weiterhin als Alternative zum Studium betrachtet und nicht als eigenständiger Bildungsweg mit vielfältigen Perspektiven. Dadurch entstehen teilweise falsche Vorstellungen über Karrierechancen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten.


Imagefragen und gesellschaftliche Erwartungen


Neben Wissenslücken spielen auch gesellschaftliche Bilder eine Rolle. In vielen Diskussionen wird akademische Bildung stärker mit Erfolg, Prestige oder sozialem Aufstieg verbunden. Berufliche Bildung wird dagegen teilweise als zweite Wahl wahrgenommen.


Diese Wahrnehmung steht jedoch im Widerspruch zur Realität der Schweizer Wirtschaft. Viele Branchen sind auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen, die aus der beruflichen Grundbildung hervorgehen. Technische, handwerkliche oder dienstleistungsorientierte Berufe bieten attraktive Karrierewege und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten.


Neben allgemeinen Bildungsbildern wirken auch gesellschaftliche Erwartungen an bestimmte Rollen. Vorstellungen darüber, welche Berufe als typisch für junge Frauen oder junge Männer gelten, beeinflussen noch immer den Berufswahlprozess. Solche Geschlechterbilder können dazu führen, dass Jugendliche bestimmte Berufe gar nicht erst in Betracht ziehen, obwohl sie gut zu ihren Fähigkeiten passen würden.


Wenn Eltern diese Perspektiven nicht kennen oder unbewusst weitergeben, kann das die Berufswahl ihrer Kinder zusätzlich beeinflussen. Jugendliche entscheiden sich dann möglicherweise gegen Berufe, die eigentlich gut zu ihren Interessen und Stärken passen würden.


Auswirkungen auf Jugendliche und Betriebe


Die Folgen solcher Fehlwahrnehmungen zeigen sich auf verschiedenen Ebenen. Jugendliche geraten unter Druck, Erwartungen zu erfüllen, die nicht unbedingt ihren eigenen Interessen entsprechen. Manche trauen sich nicht, einen beruflichen Weg einzuschlagen, der ihnen eigentlich liegen würde.


Viele Jugendliche versuchen dabei, einen eigenen Weg zu finden und gleichzeitig Erwartungen aus ihrem Umfeld zu berücksichtigen. Diese Balance zwischen Selbstständigkeit und Orientierung ist ein normaler Bestandteil des Berufswahlprozesses.


Gleichzeitig entstehen für Betriebe Herausforderungen bei der Nachwuchsgewinnung. Viele Unternehmen berichten, dass sie geeignete Lernende nur schwer finden. Dabei liegt das Problem nicht immer im mangelnden Interesse der Jugendlichen, sondern oft in den Bildern und Erwartungen, die im Umfeld der Berufswahl entstehen.


Imagefragen und Informationslücken wirken sich somit direkt auf die Funktionsfähigkeit der Berufsbildung aus.


Warum Elternarbeit wichtiger wird


Wenn Eltern eine zentrale Rolle im Berufswahlprozess spielen, muss Berufsorientierung auch sie stärker einbeziehen. Informationen über Bildungswege dürfen sich nicht ausschliesslich an Jugendliche richten. Sie müssen auch Eltern erreichen.


Elternarbeit bedeutet dabei mehr als reine Informationsveranstaltungen. Es geht darum, ein realistisches Bild der heutigen Arbeitswelt zu vermitteln und Entwicklungsmöglichkeiten sichtbar zu machen. Dazu gehören verständliche Informationen über Bildungswege, Einblicke in moderne Berufsbilder und Beispiele für Karrierewege aus der Berufsbildung.


Besonders wirksam sind Formate, die reale Erfahrungen zeigen. Wenn Eltern sehen, welche Möglichkeiten sich aus einer beruflichen Grundbildung entwickeln können, verändert sich häufig auch ihre Wahrnehmung.


Zusammenarbeit zwischen Schule, Betrieben und Beratung


Eine wirksame Elternarbeit entsteht nicht durch einzelne Akteure allein. Sie benötigt die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen. Schulen, Lehrbetriebe und Berufsberatungen können gemeinsam dazu beitragen, Eltern besser zu erreichen.


Informationsveranstaltungen, Berufserkundungen oder Gespräche mit Fachpersonen bieten Möglichkeiten, das Verständnis für Berufsbildung zu vertiefen. Wichtig ist dabei eine klare und verständliche Kommunikation. Komplexe Bildungsstrukturen müssen so erklärt werden, dass sie auch für Personen ohne detaillierte Kenntnisse nachvollziehbar sind.


Diese Zusammenarbeit schafft Vertrauen. Eltern erhalten Orientierung und können ihre Kinder fundierter bei der Berufswahl unterstützen.


Berufswahl zwischen Erwartungen und Interessen


Jugendliche stehen bei der Berufswahl häufig zwischen verschiedenen Erwartungen. Einerseits möchten sie ihre eigenen Interessen verfolgen, andererseits spielen die Erwartungen ihres Umfelds eine Rolle. Eltern können in dieser Situation eine wertvolle Unterstützung sein, wenn sie offen für unterschiedliche Wege bleiben.


Eine erfolgreiche Berufswahl entsteht häufig dort, wo Interessen, Fähigkeiten und realistische Perspektiven zusammenkommen. Eltern können diesen Prozess fördern, indem sie Fragen stellen, zuhören und gemeinsam mit ihren Kindern Möglichkeiten erkunden.


Dabei geht es nicht darum, Entscheidungen vorzugeben. Vielmehr geht es darum, Orientierung zu geben und Vertrauen in die Fähigkeiten der Jugendlichen zu stärken.


Zukunftsperspektiven für die Berufsbildung


Die Berufsbildung gehört zu den zentralen Erfolgsfaktoren der Schweizer Wirtschaft. Sie verbindet praktische Erfahrung mit theoretischem Wissen und bietet vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten.


Damit dieses System auch in Zukunft stark bleibt, müssen alle Beteiligten ein realistisches Bild davon haben. Wenn Eltern die Chancen und Perspektiven der Berufsbildung kennen, können sie ihre Kinder besser unterstützen und ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen.


Genau deshalb spielt Elternarbeit eine entscheidende Rolle im Berufswahlprozess.


FAQ: Eltern und Berufswahl


Wie gross ist der Einfluss der Eltern auf die Berufswahl?

Eltern gehören zu den wichtigsten Bezugspersonen im Berufswahlprozess. Ihre Erwartungen und ihr Wissen über Bildungswege beeinflussen häufig die Entscheidungen der Jugendlichen.


Warum kennen viele Eltern die Möglichkeiten der Berufsbildung zu wenig?

Das Bildungssystem hat sich in den letzten Jahrzehnten stark entwickelt. Viele Eltern kennen vor allem traditionelle Bilder der Lehre und unterschätzen die heutigen Weiterbildungswege.


Wie können Eltern besser erreicht werden?

Durch verständliche Informationen, reale Karrierebeispiele aus der Berufsbildung sowie Veranstaltungen und Gespräche, die Einblicke in moderne Arbeitswelten geben.




Bildquelle:

Unsplash / Getty Images


Literatur:

  • Häfeli, K., Neuenschwander, M., & Schumann, S. (2015). Berufswahlprozesse von Jugendlichen in der Schweiz. Bern: hep Verlag.

  • Neuenschwander, M. P. (2012). Eltern, Schule und Berufsfindung. Bern: hep Verlag.


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag in verschiedenen betrieblichen Kontexten.

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