Green Skills im Lehrbetrieb: Nachhaltigkeit beginnt im Alltag
- Remo Zürcher
- 16. Okt. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Nachhaltigkeit wird im Berufsalltag häufig als Zusatzthema wahrgenommen. Der Satz „Dafür haben wir im Alltag keine Zeit“ fällt in vielen Betrieben und Ausbildungsumgebungen. Gleichzeitig verändern sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen deutlich. Ressourcen werden knapper, Energieeffizienz gewinnt an Bedeutung und Unternehmen stehen zunehmend unter Druck, verantwortungsvoll zu handeln.
Gerade im Lehrbetrieb wird sichtbar, wie eng berufliche Tätigkeit mit Fragen der Nachhaltigkeit verbunden ist. Fachkräfte treffen täglich Entscheidungen über Materialien, Energieeinsatz oder Arbeitsprozesse. Die Fähigkeit, solche Entscheidungen bewusst und verantwortungsvoll zu treffen, wird daher zu einer wichtigen beruflichen Kompetenz.
Während meiner Zeit als Berufsbildner entstand aus dieser Überlegung ein einfaches Ausbildungsprojekt. Lernende erhielten die Aufgabe, aus recycelten Materialien eine funktionierende Lampe zu entwickeln. Was zunächst wie eine kreative Übung wirkte, entwickelte sich rasch zu einer intensiven Lernphase. Die Lernenden suchten in Elektroabfällen nach brauchbaren Bauteilen, diskutierten mögliche Lösungen und entwickelten eigene Ideen, wie aus vorhandenen Komponenten etwas Neues entstehen kann.
Die Erfahrung machte deutlich, dass nachhaltiges Denken nicht bei grossen Strategien beginnt. Es entsteht dort, wo Menschen im Arbeitsalltag aufmerksam beobachten, vorhandene Ressourcen sinnvoll nutzen und Verbesserungsideen entwickeln.

Nachhaltigkeit als Teil moderner Ausbildung
Die Schweizer Berufsbildung ist stark praxisorientiert. Lernende entwickeln ihre Fähigkeiten im realen Arbeitsumfeld und übernehmen früh Verantwortung. Diese Struktur bietet gute Voraussetzungen, um nachhaltige Perspektiven in Lernprozesse einzubeziehen.
Nachhaltigkeit umfasst dabei mehr als ökologische Fragen. Sie betrifft auch wirtschaftliche Verantwortung und soziale Aspekte. Im betrieblichen Alltag zeigt sich das beispielsweise darin, wie Materialien eingesetzt werden, wie Energie genutzt wird oder welche Folgen Entscheidungen im Produktionsprozess haben können.
Wenn Lernende solche Zusammenhänge erkennen, erweitert sich ihr Verständnis von beruflicher Tätigkeit. Arbeit wird nicht mehr nur als einzelne Aufgabe wahrgenommen, sondern als Teil eines grösseren Systems von Ressourcen, Prozessen und Wirkungen.
Nachhaltige Kompetenzen im Berufsalltag
In der internationalen Bildungsdiskussion wird häufig von sogenannten Green Skills gesprochen. Gemeint sind Fähigkeiten, die nachhaltiges Handeln im beruflichen Kontext ermöglichen.
Dazu gehören technisches Verständnis, ein bewusster Umgang mit Ressourcen und die Fähigkeit, ökologische und wirtschaftliche Auswirkungen beruflicher Entscheidungen einzuschätzen. Gleichzeitig spielen analytisches Denken, Problemlösungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein eine wichtige Rolle.
Solche Kompetenzen entstehen besonders gut dort, wo Lernende reale Aufgaben bearbeiten. Reparaturarbeiten, Projekte mit vorhandenen Materialien oder einfache Analysen von Energie- und Materialflüssen im Betrieb machen nachhaltige Zusammenhänge konkret sichtbar.
Lernen durch praktische Erfahrung
Das Lampenprojekt aus recycelten Bauteilen zeigte deutlich, wie wirkungsvoll praktisches Lernen sein kann. Die Lernenden mussten entscheiden, welche Komponenten wiederverwendet werden können, welche Funktionen erhalten bleiben und wie sich bestehende Teile sinnvoll kombinieren lassen.
Dabei entstand eine wichtige Erkenntnis. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Einschränkung. Sie kann auch Kreativität und Innovation fördern. Aus vorhandenen Ressourcen lassen sich neue Lösungen entwickeln.
Solche Erfahrungen fördern mehrere Fähigkeiten gleichzeitig. Technisches Verständnis wird erweitert, Problemlösungsfähigkeit gestärkt und Zusammenarbeit im Team gefördert. Gleichzeitig entsteht ein Bewusstsein für Materialkreisläufe und Ressourcen.
Nachhaltigkeit verstehen bedeutet vernetzt denken
Viele Fragen der Nachhaltigkeit lassen sich nicht isoliert betrachten. Materialeinsatz, Energieverbrauch, Transportwege oder Produktionsprozesse stehen in enger Beziehung zueinander.
Wenn Lernende lernen, solche Zusammenhänge zu erkennen, entwickeln sie ein vernetztes Denken. Sie verstehen, dass Entscheidungen in einem Bereich Auswirkungen auf andere Bereiche haben können.
Diese Perspektive wird in vielen Berufen zunehmend wichtiger. Fachkräfte müssen heute nicht nur einzelne Aufgaben ausführen, sondern auch die Folgen ihrer Entscheidungen im Gesamtsystem einschätzen können.
Nachhaltige Kompetenzen als Teil zukünftiger Anforderungen
Diskussionen über sogenannte Future Skills zeigen, dass sich Anforderungen an Fachkräfte verändern. Neben Fachwissen gewinnen Fähigkeiten an Bedeutung, die Menschen helfen, komplexe Entwicklungen zu verstehen und verantwortungsvoll zu handeln.
Nachhaltigkeitskompetenzen gehören zu diesen Zukunftsfähigkeiten. Sie verbinden fachliche Expertise mit einem erweiterten Verständnis für Ressourcen, Energie und langfristige Auswirkungen von Entscheidungen.
Gerade im Lehrbetrieb können solche Fähigkeiten besonders gut entstehen, weil Lernende reale Arbeitsprozesse erleben und gleichzeitig reflektieren.
Lernende als Ideengeber im Betrieb
In vielen Betrieben bringen gerade Lernende neue Perspektiven in Nachhaltigkeitsfragen ein. Sie beobachten Arbeitsprozesse mit einem frischen Blick und stellen Fragen, die im routinierten Alltag leicht übersehen werden.
Wenn Betriebe diesen Blick ernst nehmen, können daraus wertvolle Impulse entstehen. Lernende entwickeln eigene Ideen, wie Materialien effizienter genutzt oder Abläufe verbessert werden können. Gleichzeitig erleben sie, dass ihre Perspektiven im Arbeitsalltag Bedeutung haben.
Diese Erfahrung stärkt Verantwortungsgefühl und Engagement.
Kleine Veränderungen im Alltag
Nachhaltigkeit wird häufig mit grossen Transformationsprozessen verbunden. In der Praxis beginnt sie jedoch oft mit kleinen Anpassungen.
Ein Betrieb kann beispielsweise prüfen, wie Materialien effizienter genutzt werden können. Lernende können Projekte entwickeln, bei denen vorhandene Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden. Teams können gemeinsam überlegen, wie Arbeitsprozesse verbessert werden können.
Solche Schritte zeigen, dass nachhaltige Entwicklung kein isoliertes Projekt ist. Sie entsteht dort, wo Menschen aufmerksam beobachten und Verbesserungspotenziale erkennen.
Perspektiven für die Zukunft der Ausbildung
Technologische Entwicklungen, ökologische Herausforderungen und gesellschaftliche Erwartungen verändern die Arbeitswelt. Ausbildung steht deshalb vor der Aufgabe, junge Menschen nicht nur fachlich vorzubereiten, sondern ihnen auch Orientierung in komplexen Zusammenhängen zu geben.
Nachhaltige Kompetenzen leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Sie verbinden fachliches Wissen mit Verantwortung und fördern ein Verständnis für langfristige Auswirkungen beruflicher Entscheidungen.
Wenn Lernende bereits während ihrer Ausbildung erleben, wie nachhaltiges Handeln im Berufsalltag umgesetzt werden kann, entsteht eine wichtige Grundlage für zukünftige Fachkräfte, die wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich verantwortungsvoll handeln.
FAQ: Nachhaltigkeit im Lehrbetrieb
Was versteht man unter Green Skills?
Der Begriff beschreibt Fähigkeiten, die nachhaltiges Denken und Handeln im beruflichen Kontext ermöglichen. Dazu gehören technisches Verständnis, Ressourcenschonung, systemisches Denken und Verantwortungsbewusstsein.
Warum werden solche Kompetenzen wichtiger?
Unternehmen stehen zunehmend vor ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Fachkräfte müssen daher verstehen, wie ihre Arbeit mit Ressourcen, Energie und nachhaltiger Entwicklung zusammenhängt.
Wie können Lehrbetriebe nachhaltige Kompetenzen fördern?
Durch praxisnahe Projekte, Reparaturarbeiten, Wiederverwendung von Materialien und Reflexion über Ressourcen im Arbeitsalltag.
Bildquelle:
Unsplash / Markus Spiske
Literatur und Quellen:
myclimate. Bildungsprogramme zu Klimaschutz und nachhaltigem Handeln.
One Planet Lab. Initiativen für nachhaltige Entwicklung und Bildung.
Schild, Kirstin; Leng, Marion; Jakob, Mascha; Hammer, Thomas (2020). Auf der Suche nach dem rechten Mass: Nachhaltige Entwicklung auf der Sekundarstufe II. Bern: hep Verlag.
Hinweis zum Inhalt:
Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erfahrungen aus der Begleitung und Ausbildung von Lernenden in der Schweizer Berufsbildung sowie auf Beobachtungen aus dem Ausbildungsalltag.


