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Wie gehen Berufsbildende und Kursleitende professionell mit Störungen im Ausbildungsalltag um?

  • Autorenbild: Remo Zürcher
    Remo Zürcher
  • 9. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Solche Situationen gehören zum Alltag in der Berufsbildung: Die Aufmerksamkeit lässt nach, Nebengespräche entstehen oder einzelne steigen gedanklich aus. Der Impuls, einfach weiterzumachen, ist nachvollziehbar. Gleichzeitig bleibt die Wirkung bestehen und beeinflusst den weiteren Verlauf.


Störungen im Ausbildungsalltag verschwinden nicht, wenn sie ignoriert werden. Sie wirken weiter auf die Konzentration, auf die Zusammenarbeit und auf die Verbindlichkeit innerhalb der Gruppe.


Ein zentraler Grundsatz in der Ausbildung lautet deshalb:


Störungen haben Vorrang.

Nicht wegen der Störung selbst, sondern wegen ihrer Wirkung. Sie beeinflussen die ganze Gruppe und damit die Qualität des Lernprozesses.


Orang-Utan verdeckt sich die Augen mit den Händen, Symbol für das Ignorieren von Störungen im Ausbildungsalltag und deren Auswirkungen.
Störungen zu ignorieren wirkt wie Wegsehen. Die Wirkung bleibt trotzdem bestehen.

Was unter Störungen im Ausbildungsalltag verstanden wird


Störungen sind nicht nur laute Unterbrechungen oder offensichtliche Ablenkungen. Sie zeigen sich oft subtil und werden deshalb leicht übersehen.


Dazu gehören nachlassende Aufmerksamkeit, parallele Gespräche, fehlende Beteiligung oder sichtbare Unklarheit bei Aufgaben. Auch passives Verhalten kann eine Störung sein, wenn es die Dynamik der Gruppe beeinflusst.


Gemeinsam ist diesen Situationen, dass sie den gemeinsamen Arbeitsprozess verändern. Die Gruppe ist nicht mehr vollständig im Fokus, und genau dort beginnt die Wirkung.


Warum Störungen Vorrang haben


Lernen braucht Aufmerksamkeit, Orientierung und eine klare Arbeitsbasis. Sobald diese Grundlagen gestört sind, verliert der Inhalt an Wirkung, unabhängig davon, wie gut er vorbereitet ist.


Wenn Störungen nicht eingeordnet werden, entsteht eine schleichende Verschiebung. Konzentration wird weniger verbindlich, Ablenkung wird toleriert und Erwartungen bleiben unklar.


Lernende orientieren sich stark an dem, was im Raum passiert. Wird eine Störung übergangen, wird sie Teil des akzeptierten Verhaltens. Dadurch verändert sich die Dynamik, ohne dass dies aktiv gesteuert wird.


Störungen haben Vorrang, weil sie die Voraussetzungen betreffen, unter denen Lernen überhaupt stattfinden kann.


Ursachen verstehen statt Verhalten bewerten


Störungen entstehen selten ohne Kontext. Sie sind häufig ein Hinweis darauf, dass etwas im Ablauf nicht mehr stimmig ist.


Typische Auslöser sind:


  • Unklare oder zu komplexe Aufträge

  • Überforderung oder fehlende Herausforderung

  • fehlende Struktur im Ablauf

  • nicht geklärte Erwartungen

  • Spannungen oder Unsicherheiten in der Gruppe


Das sichtbare Verhalten ist dabei nur die Oberfläche. Wer vorschnell bewertet, verpasst die eigentliche Ursache und reagiert am Symptom statt an der Situation.


Ein Nebengespräch kann fehlendes Interesse bedeuten, aber ebenso ein Zeichen dafür sein, dass der Auftrag nicht verstanden wurde. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend.


Führung zeigt sich im Umgang mit solchen Situationen


Der Umgang mit Störungen ist kein Nebenaspekt, sondern ein zentraler Teil von Führung im Ausbildungsalltag. In diesen Momenten wird sichtbar, wie klar eine Gruppe geführt wird.


Es geht nicht darum, jede Abweichung sofort zu unterbrechen. Es geht darum, bewusst zu entscheiden, wie mit der Situation umgegangen wird.


Drei grundlegende Handlungsoptionen stehen zur Verfügung:


  1. weiterführen, wenn die Wirkung gering bleibt

  2. kurz ansprechen, um Orientierung herzustellen

  3. klar eingreifen, wenn die Arbeitsbasis verloren geht


Diese Entscheidung braucht Aufmerksamkeit und Einschätzung, nicht Automatismus.


Eine einfache Intervention, die Klarheit schafft


Im Alltag zeigt sich, dass nicht komplexe Methoden entscheidend sind, sondern klare, nachvollziehbare Kommunikation.


Eine bewährte Formulierung ist:

„Ich sehe, die Konzentration ist gerade weg. Was ist gerade los?“


Diese Aussage wirkt, weil sie drei Dinge gleichzeitig erfüllt:

  • Sie beschreibt die Beobachtung ohne Bewertung

  • Sie macht die Situation sichtbar für alle

  • Sie überträgt Verantwortung zurück an die Gruppe


Damit entsteht ein Raum, in dem sich die Situation klären kann. Oft reichen wenige Sekunden, um wieder Fokus herzustellen.


Je nach Situation entstehen unterschiedliche Reaktionen. Manchmal wird sichtbar, dass der Auftrag unklar war. Manchmal zeigt sich, dass eine Pause nötig ist. Und manchmal genügt die gemeinsame Wahrnehmung, damit die Gruppe sich selbst reguliert.


Warum Ignorieren und Überreagieren beide problematisch sind


Ignorieren wirkt kurzfristig effizient, verschiebt aber die Wirkung in den weiteren Verlauf. Die Störung bleibt bestehen und beeinflusst die Gruppe weiterhin.


Überreaktionen haben eine andere Wirkung. Sie lenken den Fokus weg vom eigentlichen Thema und können zusätzliche Spannung erzeugen.


Beide Reaktionen führen dazu, dass die Situation nicht sauber eingeordnet wird. Der Unterschied liegt in der Klarheit. Wer ruhig beobachtet, benennt und entscheidet, schafft Orientierung ohne unnötige Dynamik.


Gruppendynamik bewusst steuern


Störungen sind immer auch Ausdruck von Gruppendynamik. In jeder Gruppe entwickeln sich Rollen, Erwartungen und Verhaltensmuster.


Wenn einzelne aussteigen oder sich ablenken, betrifft das nicht nur sie selbst. Es beeinflusst die gesamte Gruppe. Aufmerksamkeit verteilt sich neu, und Verbindlichkeit verändert sich.


Wer diese Dynamik erkennt, kann gezielt reagieren. Es geht nicht in erster Linie darum, einzelne Personen zu korrigieren, sondern darum, die gemeinsame Arbeitsbasis wieder herzustellen.


Was im Alltag tatsächlich wirksam ist


Ein professioneller Umgang mit Störungen braucht keine komplexen Modelle. Entscheidend sind wenige, klare Elemente:


  • Situationen früh wahrnehmen

  • Beobachtungen konkret benennen

  • Entscheidungen sichtbar machen


Diese Punkte schaffen Orientierung und verhindern, dass sich Unsicherheit ausbreitet.


Störungen als Teil des Lernprozesses nutzen


Störungen lassen sich nicht vermeiden, weil Lernen in einem sozialen Kontext stattfindet. Unterschiedliche Aufmerksamkeit, unterschiedliche Bedürfnisse und unterschiedliche Erwartungen treffen aufeinander.


Wer Störungen als Teil dieses Prozesses versteht, kann sie konstruktiv einordnen. Sie zeigen, wo Anpassung notwendig ist, wo Klarheit fehlt oder wo Führung gefragt ist.


Damit werden sie nicht zum Problem, sondern zu einem Hinweis, der genutzt werden kann.


FAQ: Umgang mit Störungen im Ausbildungsalltag


Warum haben Störungen Vorrang?

Weil sie die Aufmerksamkeit und damit die Grundlage für Lernen und Zusammenarbeit direkt beeinflussen.


Sollte man jede Störung sofort ansprechen?

Nein. Entscheidend ist, ob die Arbeitsbasis der Gruppe betroffen ist.


Was ist der häufigste Fehler im Umgang mit Störungen?

Zu schnelles Ignorieren oder vorschnelles Bewerten, ohne die Situation einzuordnen.




Bildquelle:

Unsplash / Getty Images


Literatur:

De Florio-Hansen, Inez (2025), Unterrichtsstörungen konstruktiv begegnen – Strategien zur Intervention und Prävention, Beltz Verlag, Weinheim, 1. Auflage


Hinweis zum Inhalt:

Dieser Beitrag basiert auf praktischen Erfahrungen aus der Durchführung von Kursen sowie aus der Begleitung von Lernenden und Gruppen im Ausbildungsalltag.

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